Das Kloster Filerimos ist der Ort, zu dem der Rhodier gerne einen mit seiner Familie unternimmt. Man kann es verstehen, denn Filerimos hat heute seinen ganz eigenen Zauber. Lawrence Durrell beschreibt diesen Ort so: „Der Hügel von Phiilerimo, gekrönt von den Ruinen der alten Akropolis von Ialysos und dem stillen Kloster, liegt da wie ein gestrandetes Schiff im Meer der Zeit. (…) Man wandelt auf Philerimo durch Jahrhunderte, die sich ineinander verschlungen haben. Die Geister der alten Dorier teilen sich den Schatten der Pinien friedlich mit den Rittern des Heiligen Johannes. (…) Von hier oben aus gesehen schrumpft die Welt auf das Wesentliche zusammen: Blaues Meer, flirrende Hitze und der sanfte Wind, der durch die Zypressen streicht. Es ist ein Ort, an dem die Seele Atem holen kann.“

Durell erinnert uns in seinem Buch „Leuchtende Orangen“ aber auch an die oft sehr kriegerische Vergangenheit des Ortes, aber auch an seine herausragende Bedeutung: „Bevor im Jahr 408 v. Chr. die Stadt Rhodos gegründet wurde, lebten die Rhodier, die Argos als ihr Herkunftsland bezeichneten, in den drei glänzenden Städten, die nach den Heroen Lindos, Ialysos und Kamiros, Enkeln des Helios, benannt waren. (…) Von Ialyssos ist wenig übriggeblieben; die beiden anderen Städten hat ihre Lage vor diesem Schicksal bewahrt. (…) Über Philerimo läßt sich heute nur noch wenig sagen; das Kloster ist völlig zerbombt, (…) den Philerimo ist kurz nach dem Fall Italiens ein Ort grausamster Kämpfe zwischen italienischen und deutschen Truppen gewesen. Die Italiener konnten, obwohl sie in sechsfacher Übermacht waren und und die Hügel besetzt hielten, den Angriffen der Stukas nicht länger als eine Woche standhalten. (…)

Das kleine Kloster ist eine Ruine. Im Garten liegen einige byzantinische und hellenistische Gesteinstrümmerverloren herum. Aber der Ausblick vom schmalen, baumbestandenen, schattigen Mönchsweg, den man von einem Rande zum anderen die ganze Höhe entlanggeführt hat, ist unvergleichlich.“ Von Ruine kann heute keine Rede mehr sein, zumindest was das kleine Kloster betrifft. Das erstrahlt wieder in neuem Glanz. Wer sich bei, Betrachten der Kreuzritterkirche an einen Kirchenbau aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. erinnert fühlt, der liegt mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch, doch der Reihe nach.

Auf diesem Hügel lag die Akropolis von Ialysos. Das bedeutet, dass die antike Stadt um die Akropolis herumgebaut wurde. Von dieser Bebauung sind nur noch längst überwucherte Spuren zu sehen. Da bei Durrells Besuch der Hügel noch von Bomben zernarbt war, waren für ihn diese Mauern sichtbar. Mit Sicherheit hatte das antike Ialysos dort, wo heute das moderne Ialysos liegt, einen bedeutenden Hafen. Die Stadt aber war hier. Stumme Zeugen dieser Zeit sind ein dorisches Brunnenhaus aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert und die Grundmauern eines etwa 200 Jahre jüngeren Tempels der Athena Polias, Schutzherrin der Insel.

Man muss davon ausgehen, dass die Akropolis – wie damals üblich – als Steinbruch für neuere Bauten, wie das nahe byzantinische Kastell, benutzt wurde. Seinen Namen hat der Berg von einem aus Jerusalem kommenden Mönch, der eine Ikone der Jungfrau Maria, angeblich vom Lukas Evangelist gemalt, bei sich hatte und der sich hier als Einsiedler niederließ (phileremos bedeutet so viel wie Freund der Einsamkeit). Zuvor trug der Hügel den Namen Achaia. Dieser Mönch errichtete im 13. Jahrhundert, anderen Quellen zufolge um das Jahr 1.000, eine Kapelle auf den Grundmauern einer frühchristlichen Basilika, die teilweise über dem antiken Tempel errichtet wurde, die später zum Kloster und zur Kirche ausgebaut wurde. Der Glockenturm ist noch heute zu sehen. Im Zypressenwald hinter dem Kloster befindet sich die kleine Kapelle Agios Georgios, mit gut erhaltenen Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Während der Wind in den Bäumen raschelt und überall Zikaden zirpen, lassen sich mit ein wenig Fantasie die Umrisse der Vergangenheit zwischen den Mauern wieder zusammensetzen.

Das Kloster Iera Moni Filerimou wurde später vom Johanniterorden ausgebaut. In osmanischer Zeit verfiel es zunehmend. Erst im 20. Jahrhundert wurde es von italienischen Archäologen restauriert. Als die Italiener das Kloster restaurierten, stießen sie auf die Überreste eines weitläufigen antiken Geländes. So kamen die Relikte des großen Athene-Tempels aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. zum Vorschein. Auch ein in den Boden eingelassenes, kreuzförmiges, marmornes Taufbecken und einige Bodenmosaike aus dem 5. Jahrhundert sind erhalten. Nun kommen wir zum Problem mit der italienischen Archäologie: sie errichteten Kirche und Kloster nicht mit historischer Genauigkeit, sondern so, wie sie sich eine Kreuzfahrerkirche und das dazugehörige Kloster eben vorstellten – und so, dass es sich natürlich nahtlos in das von römischen Mythen dominierte faschistische Weltbild einfügte – also praktisch ein Neubau. Dabei gingen sie so gründlich vor, dass die Restauratoren nach dem Zweiten Weltkrieg keine andere Möglichkeit hatten, als diesem Bauplan zu folgen. Ähnliches ereignete sich auch mit dem byzantinischen Kastell, doch davon ein andermal mehr.

Blendet man diese historischen Zusammenhänge aus, dann kann man sich des Charmes dieses Ortes kaum erwehren. Historische Genauigkeit hin oder her, Kirche und Kloster dürften auch in etwa so aussehen, wie wir uns eine Kreuzritterkirche vorstellen. Das weitläufige Areal lädt zu Spaziergängen ein. Dabei laden von Bäumen überwachsene Wege zum Flanieren im Schatten ein. Und trotz der Neugestaltung verströmt dieser Ort eine friedliche, fast spirituelle Ruhe. Drei Dinge sind noch der Erwähnung wert: das eine ist die Umwerfende Aussicht von verschiedenen Punkte und in verschiedene Richtungen, wie schon von Durrell bemerkt. Und außerdem ein Likör, den es nur hier gibt.

Durrell geht noch weiter ins Detail und beschreibt die beinahe magischen (und hochprozentigen) Eigenschaften dieses von Kapuzinermönchen entwickelten Elixiers: Er beschreibt ihn als ein Getränk, das „so stark ist, dass es einem beim Trinken die Haare auf dem Kopf aufrichten lässt“. Gleichzeitig lobt er den tiefen, medizinisch-kräuterartigen Charakter, der den Duft der Pinien und wilden Kräuter des Berges Filerimos perfekt einfängt. Der Likör wird bis heute nach dem alten Rezept aus sieben Kräutern (u. a. mit Beifuß, Thymian, Salbei und Rosmarin) auf Rhodos hergestellt und an kleinen Ständen direkt auf dem Filerimos-Plateau verkauft. Ich ging bei meinem Versuch den Likör, von dem ich durch Durrell wusste, leider lehr aus, da im Winter die Zufahrtsstraße durch einen Erdrutsch verschüttet war und deshalb der Likör nicht produziert werden konnte. So jedenfalls die Aussage des Verkäufers.

Und schließlich noch die Marienikone, die in diesem Kloster ihre Heimat hatte. Für manche mag es ein Zufall sein, dass ausgerechnet auf den Ruinen des Tempels der Athena Polias, Schutzherrin der Insel, ein Kloster errichtet wird, in dessen Mauern eine Marienikone der Panhagia – (auch Panagia) ist ein griechisches Wort und bedeutet „die Allheilige“ oder „die Allerheiligste“ – und Schutzpatronin der Insel aufbewahrt wird. In Zeiten der Not wurde die Panhagia in einer feierlichen Prozession den Berg hinab von Filerimos nach Rhodos geführt, zuletzt vor dem Angriff der Türken. Auch sie hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Die Johanniter nahmen die Ikone mit, als sie Rhodos verlassen mussten. Sie wurde bis 1798 im Johannesmünster auf Malta aufbewahrt. Der letzte Großmeister auf Malta überreichte die Ikone später der russischen Zarenfamilie, den Romanows.

So gelangte sie nach Sankt Petersburg. Nach der russischen Revolution und den Wirren des Ersten Weltkriegs wurde sie von der Zarenfamilie nach Kopenhagen, Berlin und schließlich in den königlichen Palast nach Belgrad gebracht. Vor dem Einmarsch deutscher Truppen im Jahr 1941 wurde sie in das Ostrog-Kloster in Montenegro gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte sie der Staat; seit 1978 bzw. endgültig seit 2002 wird sie als unschätzbarer religiöser und kultureller Schatz in der Blauen Kapelle des Kunstmuseums in Cetinje in Montenegro aufbewahrt. Heimgekehrt nach Filerimos ist sie nie.

Kloster Filerimos, Ialisos, Rhodos, Griechenland; Öffnungszeiten: täglich von 08:00 – 20:00 Uhr. Quellen: Lawrence Durrell, Leuchtende Orangen; Wikipedia, Google, greek-moments.com, Es gibt sowohl von Filerimos, als auch von Ialisos mehrere Schreibweisen, die gleichzeitig in Umlauf sind.