Rhodisches Kaffeetagebuch: Foro Italico und Nea Chora I

Als ich die Kirche verlasse, herrscht draußen bestes Fotografenlicht. Die Abendsonne taucht die Szenerie ein ein leichtes, weiches Gold, dass selbst faschistische Protzbauten beinahe sympathisch erscheinen lässt. Ursprünglich hatte ich vor mich jetzt schon auf den Weg nach Hause zu machen, doch diese Chance muss man ergreifen. So improvisiere ich noch schnell eine kleine Fotosafari. Die typische Nachmittagssonne der Ägäis in der Nea Chora erinnert mich an Zitat, das ich unlängst wieder gelesen habe:

„Die Stadt lag unter uns, von Sonnenlicht übersprüht. Schwalben und Mauersegler flügelten und schweiften durch die warmen Räume der Gärten. Die vollbeladenen Mandarinenbäume sprenkelten die Gärten mit Feuer. Die Luft war erfüllt von allen erstickenden Düften des Frühlings, das Meer wider ruhig und blau – blauer als eine Metapher ausdrücken kann. ‚Nun ich weiß nicht‘, sagte Gideon, stützte seine Ellenbogen auf die warmen Steine und rümpfte seine Nase, um den Mandarinengeruch des Windes einzusaugen. ‚Wenn Sie eine These gegen die Kunst der totalitären Staaten wünschen, hier ist eine.'“ So beschreibt Lawrence Durrell in seinem Buch „Leuchtende Orangen“ über Rhodos die Eindrücke eines britischen Offiziers über die „Nea Chora“, die von den Italienern in der Zeit der faschistischen Besatzung der Insel errichtete Neustadt.

Postamt

In der Tat lässt sich über die faschistischen Bauten und deren Baustil streiten. Wobei die „Nea Agora“, der „Neue Markt“ mit seinen orientalisch und levantinisch wirkenden Bögen und Kuppeln noch eines der eher harmloseren Beispiele ist. Auch die Verkündigungskathedrale passt sich wenigstens den mittelalterlichen Festungsmauern der Altstadt an. Doch die übrigen Gebäude, die damals vor allem modern sein sollten, sprechen eine andere Sprache. Sie sollten nicht nur den Machtanspruch des faschistischen Italien zum Ausdruck bringen, sie sollte alles, was in den Jahrtausenden zuvor erschaffen wurde, kulturell verdrängen.

Gouverneurspalast (li) und Hafenamt

Der erste zivile Gouverneur der italienischen Ägäis-Inseln und derjenige, der den nachhaltigsten Eindruck auf Rhodos hinterließ, war der Diplomat Mario Lago. Er leitete während seiner 12-jährigen Herrschaft 1924 bis 1936 die Bemühungen seines Landes, die italienische Kultur durchzusetzen und die ethnische Zusammensetzung der einheimischen Bevölkerung zu verändern, während er gleichzeitig versuchte, die griechische Sprache, Kultur und orthodoxe Religion zu verbannen. Die meisten in dieser Zeit realisierten Projekte tragen die Handschrift von Florestano di Fausto, dem bedeutendsten Architekten des faschistischen Italiens. Innerhalb von nur drei Jahren, bevor es zum Bruch mit Gouverneur Lago kam, entwarf oder überarbeitete di Fausto erstaunliche fünfzig Gebäude auf dem Dodekanes – Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, Kirchen, Markthallen, Schulen und Kasernen –, von denen 32 im Jahr 1927 fertiggestellt oder im Bau waren.

Rathaus (li) und Nationaltheater

Dabei verstand es Lago durchaus als seine vordringlichste Aufgabe die Stadt zu verschönern. Auf den ersten Blick muss man ihn fast rechtgeben, denn die heute so wichtigen Gebäude wären vielleicht nicht erhalten oder renoviert worden, sondern dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Besucher würden sich nicht, wie heute, versammeln, um das imposante Foro Italico am Hafen von Mandraki mit seinen imposanten Verwaltungsgebäuden zu bewundern, die byzantinische, venezianische  Renaissance-, osmanische und lokale Architekturelemente in einem unverwechselbar eklektischen Stil vereinen. Dabei vermeinte man nicht nur, dass man sich dieser Stile und Elemente bedienen würde, nein, man würde sie verbessern und zu einer Perfektion fortführen, die in ihren jeweiligen Epochen gar nicht erreicht werden konnte.

Hafenamt

Eine solche Betrachtung entlastet natürlich nicht die italienischen Eroberer von Rhodos und verharmlost auch nicht die harten, autoritären Methoden der „Italienisierung“, die sie im Dodekanes anwandten, insbesondere nach dem Aufstieg des Faschismus. Sie würdigt lediglich die immense Bedeutung des architektonischen Charakters und des Raumgefühls, die sie dem heutigen Gesicht von Rhodos verliehen haben. Obwohl die Italiener 1912 während ihres Konflikts mit dem Osmanischen Reich auf der Insel landeten, entstanden die meisten ihrer Bauwerke auf Rhodos unter Mussolini und spiegeln die Haltung seines faschistischen Regimes zum urbanen Raum wider. Die Vergangenheit – sowohl die Antike als auch das Mittelalter und die Renaissance – wurde zum Rohmaterial faschistischer Rhetorik, wie Dr. Medina Lasansky in ihrem Buch „Die perfektionierte Renaissance: Architektur, Spektakel und Tourismus im faschistischen Italien“ darlegt.

Gouverneurspalast

Die Ästhetik dieser Bewegung war nicht einheitlich, da die herrschenden Italiener je nach Einzelfall Ultramodernisten, Rationalisten, Neohistoriker und Vertreter des Novecento in ihre Reihen aufnahmen und verherrlichten . Der Hauptantrieb aller Beteiligten war jedoch die „Säuberung“ oder „Befreiung“, wie sie es nannten, der Vergangenheit. Ähnlichkeiten mit aktuellen Bestrebungen eine „Deutsche Kultur“ in unserer zu etablieren und zu verankern sind also weder neu, noch zufällig, noch im Geringsten originell. Die Restaurierung bzw. Rekonstruktion der Spuren des Mittelalters und der Renaissance umfasste somit auch deren Umgestaltung – deren selektive Darstellung gemäß einer bestimmten, dem Regime und seinen Werten entsprechenden Perspektive. Ob in Rom, der Toskana, Rhodos oder Libyen: Die Architekten des Regimes wurden beauftragt, eine „bereinigte“ Version der Vergangenheit zu schaffen, die die Gegenwart verherrlichen sollte. Auch heute gibt es hierzulande Bestrebungen unsere jüngere Geschichte von einem angeblichen Schuldkult zu befreien und gleichzeitig davon abzulenken, dass Deutschland im Dritten Reich das bis heute größte Verbrechen an der Menschheit zu verantworten hat.

Rathaus

Den zweiten Teil meines Stadtspaziergang lest Ihr morgen!

Nationaltheater

Quellen: Wikipedia, Greece is, Via Gallica, In Griechenland, Rhodos Entdecker, Hellas Bote. Titelbild: Finanzamt.

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