Bestes Beispiel für die faschistischen Bauten der ersten Phase unter Lago ist der italienische Gouverneurspalast in Rhodos-Stadt, der 1927 nach Plänen des Architekten Florestano Di Fausto direkt am Mandraki-Hafen erbaut wurde. Das an den Dogenpalast in Venedig angelehnte Prachtgebäude im Stil der italienischen Besatzungszeit dient heute als Sitz der Präfektur der Dodekanes sowie als Bürgerbüro. Genauer betrachtet ist der gotisch-venezianische Stilmix durchaus gewagt, wenn nicht zu sagen ein gute Negativbeispiel für den faschistischen Eklektizismus. Das Gerichtsgebäude hingegen wurde in einem deutlich von der Renaissancearchitektur beeinflussten Stil restauriert. Dabei ist die Rolle Lagos für das Gesamtbild von Rhodos durchaus auch positiv besetzt, denn er errichtete zahlreiche öffentliche Gebäude, die heute noch genutzt werden, er initiierte zahlreiche Verschönerungsprojekte im historischen Zentrum von Rhodos, restaurierte mittelalterliche Denkmäler, gründete ländliche Siedlungen und führte Wirtschaftsreformen durch – darunter Maßnahmen zur Förderung des Tourismus. Er war ein Pionier seiner Zeit. Sein wohl wichtigstes Vermächtnis ist der von ihm entworfene Stadtentwicklungsplan für Rhodos, der mit den Plänen aller großen Städte des Westens vergleichbar war.

Casino
Doch was Lago schuf – und vor allem seine Vision eines modernen Rhodos – wurde von seinem Nachfolger Cesare Maria De Vecchi zum Teil wieder zerstört oder zumindest relativiert. De Vecchi war einer der Quadrumvirat in Mussolinis zentraler herrschender Tetrarchie. Er übte eine unmissverständlich brutale politische Unterdrückung aus, insbesondere im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und des Griechisch-Italienischen Krieges. Was für die politische Unterdrückung galt, galt auch für die Unterdrückung der Kultur. Waren die Bauten unter Lago noch bisweilen verspielt und liebevoll verziert, wie zum Beispiel die Post, so sollten die nachfolgenden Bauprojekte vor allem Macht demonstrieren. Um den Ruhm der Johanniter und ihre Präsenz auf Rhodos weiter zu unterstreichen und damit auch das Regime, dessen Gründungsmitglied er war, mit diesem Ruhm zu verbinden, ließ De Vecchi öffentliche Gebäude und Neubauten mit „Pietra Finta“, einer Steinimitation, verkleiden, um optisch an die Zeit der Johanniter zu erinnern Charakteristische Beispiele dieser Bauweise sind die Polizeistation und der Palazzo Littorio, der später zum Rathaus wurde.

Casino
Die Aufzählung wäre unvollständig ohne die Gebäude zu erwähnen, die deutlich Art-Deco-Elemente beinhalten. Dazu zählen Aquarium, die Restaurants Ronda und Meltimi und der Club Nor, dessen Fassade allerdings auch orientalische Elemente enthält und der so eine Brücke zwischen dem Foro Italico und der Nea Chora schlägt. Ebenfalls erwähnt werden müssen das Nationaltheater und Kino, welches während meines Aufenthaltes gerade renoviert wurde und das ursprünglich Teatro Puccini hieß und eine der damals modernsten Bühnen Europas beherbergte und natürlich das Hotel Grande Albergo delle Rose. Während das Nationaltheater ein im Grunde schmuckloser Bau ist, der aber durch seine harmonische Form und seine klaren Linien besticht, kam bei der Albergo delle Rose – heute ein Vier-Sterne-Hotel mit Casino – eine Kombination aus venezianischen, arabischen, osmanischen und byzantinischen Stilmitteln zum Einsatz.

Nationaltheater
Auch nicht verschweigen will ich, das eine der am häufigsten fotografierten Sehenswürdigkeiten ebenfalls von den Faschisten stammt. Nämlich Elafis und Elafina, also Hirsch und Hirschkuh, die auf Säulen rechts und Links der Einfahrt zum Mandraki-Hafen stehen, also genau an den Stellen, an denen die Füße des Kolosses von Rhodos gestanden haben sollen. Zumindest nahm man das über Jahrhundert an, bis die Wissenschaft diese These widerlegte. Der Hafen wird von zwei markanten Wellenbrechern flankiert und die beiden Paarhufer begrüßen die ankommenden Schiffe.

Gouverneurspalast
Elafos und Elafina symbolisieren die Schutzpatrone der Insel. Der Hirsch ist das offizielle Wappentier und Wahrzeichen der griechischen Insel Rhodos. Er steht für Schutz, Geschichte und Verbundenheit mit der Natur der Insel. Nach einer alten Überlieferung litt das antike Rhodos einst unter einer großen Plage giftiger Schlangen. Das Orakel von Delphi riet den Bewohnern daraufhin, zur Bekämpfung der Plage Hirsche auf der Insel anzusiedeln. Die Hirsche fraßen die Schlangen oder vertrieben sie, wodurch die Insel gerettet wurde. Die Italiener adaptierten diese Sage für ihre Zwecke. Wir werden Elafos und Elafina auf dieser Reise noch begegnen. Die Italiener zogen 1948 ab, Hirsch und Hirschkuh blieben.

Gouverneurspalast, im Hintergrund Polizeistation und Nationaltheater (von li nach re)
Doch wie heute umgehen mit diesem faschistischen „kulturellen“ Erbe? Am 7. März 1948 feierten die Einwohner von Rhodos die Eingliederung der Dodekanes-Inseln in den griechischen Staat und damit die endgültige Befreiung von der italienischen, gegen Ende des Krieges deutscher Besatzung. Vieles, insbesondere von der Altstadt, wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs zerstört. Insbesondere an der Stadtmauer lässt sich das Ausmaß dieser sinnlosen Zerstörung bis heute ablesen. Doch die Zeit der kulturellen Verdrängung war endlich vorbei und Freiheit ersetzte die faschistische Unterdrückung. Sieben Jahrzehnte später leben nur noch wenige Menschen auf der Insel, die die italienische Besatzung miterlebt haben. Fast alle Italiener haben Rhodos ohnehin direkt nach Kriegsende verlasse oder sie wurden Repatriiert. Doch die jüngeren Generationen – ohne die Vergangenheit zu vergessen – leben mit dem architektonischen und städtebaulichen Erbe jener Zeit und nutzen es voll aus. Es ist ein Erbe, das ihren Alltag bereichert.

Club Nor
Jetzt könnte ich mich eigentlich auf den Heimweg machen, ja, wenn mich nicht ein ganz besonderes Fotomotiv in seinen Bann gezogen hätte. Doch davon erzähle ich Euch morgen.

Elafos und Elafina
Quellen: Wikipedia, Greece is, Via Gallica, In Griechenland, Rhodos Entdecker, Hellas Bote. Titelbild: Gericht.
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