Toms Breakfast Club: „Italienisches Frühstück“ à la DSG

Vor etwa 30 Jahren war einer meiner ersten Job der des Liegenwagenschaffners bei der DSG, der Deutschen Schlaf- und Speisewagengesellschaft oder wie wir uns selber nannten „Die Söhne Gottes“, weil wir jeden Morgen gottvoll waren. Just in dieser Zeit erschien in einer Münchner Stadtzeitung ein Artikel über uns. Peinlich war, dass durch einen Insider aufgedeckt wurde, dass die Decken, die wir abends austeilten und morgens wieder einsammelten, praktisch nie gewaschen wurden. Was sie enthielten überlasse ich der Phantasie des Lesers. Als Reaktion auf den Artikel wurden nicht etwa die Decken gewaschen, sondern wir bekamen eine Dienstanweisung, was wir, auf den Artikel angesprochen, zu antworten hätten: „Ich arbeite korrekt und zuverlässig. Schwarze Schafe gibt es überall. Ein Kollege, der früher einmal für uns gearbeitet hat, hat uns alle schlechtgemacht.“

Das erste, was ich von meinem Ausbilder auf den drei Schulungsfahrten lernte, war wie man Schlösser knackt. Tatsächlich sehr praxisnah, schließlich sicherten wir unser Dienstabteil mit einem Vorhängeschloss und mindestens einmal liegt der Schlüssel drinnen. Am Anfang wunderte ich mich darüber, dass wir – trotz strengsten Alkoholverbots – vier Flaschen Personalbier auf jede Tour mitbekamen, in Flaschen, nicht die Dosen, die wir im Verkauf hatten. Wohl damit wir sie nicht schwarz verkaufen konnten. Jedenfalls wurde mir schnell klar, dass man nach einer Nachtschicht im Zug nicht so schnell runterkommt und man sollte schlafen, denn am Abend steht ja die Rückfahrt an. Außer natürlich man ist jung und der Zielort spannend. So besuchte ich in jungen Jahren Rom, Paris, Kopenhagen, Genua, Pescara, Ancona, Zagreb, Belgrad und Genua, manche davon mehrmals. Es gab natürlich auch unbeliebte Touren, wie Hamburg, Krefeld oder Leer in Ostfriesland, wobei sich Leer bei einem kulanten Schaffner zu einer Fahrt nach Norden, einem Tag am Strand und eine Überfahrt nach Norderney ausbauen ließ.

In Pescara und Ancona lockte ebenfalls der Strand. Hier musste man sich vorab mit dem Schaffner des Schlafwagens, also der ersten Klasse gutstellen. Schließlich musste man sich nach dem Strandtag den Sand vom Körper waschen (woraufhin die Dusche vom Schaffener wieder gesäubert werde musste). Eine Flasche Wein pro Person glich das wieder aus. Immer noch besser als die heruntergekommen Schaffnerquartiere der Ferrovie dello Stato Italiane (FS). Nach einer dieser Fahrten bürgerte sich bei uns das „Italienische Frühstück“ ein, besehend aus Campari Soda, Cappuccino und Pils in genau dieser Reihenfolge. Am besten in einem hübsche Straßencafé mit Blick aufs Meer. Ach ja, war das Pils weg, dann begann man wieder von vorn. Man konnte also mehrmals frühstücken. Was soll ich sagen? Ich war jung und brauchte das Geld…

6 Gedanken zu “Toms Breakfast Club: „Italienisches Frühstück“ à la DSG

  1. Was für eine abenteuerliche Schattenseite des Reisens. Ich bin nie Liegewagen gefahren, obwohl gerne nachts, aber dann im normalen Abteil, zwischen München und Hamburg bzw. zurück. Das war gemütlich genug. Dass dieses Service-Zugpersonal, das keine Schaffneraufgaben hatte, im Grunde eher zu miesen, abenteuerlichen Bedingungen arbeitete, war mir nie bewusst. Das ist wohl kaum besser geworden.

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