Rhodisches Kaffeetagebuch: Muslimischer Friedhof

Eigentlich war ich schon fast auf dem Heimweg. Am Ende meiner Fotosafari durch Nea Chora und das Foro Italico fand ich nun diese Bank mit Blick auf die Restaurants Ronda, Meltemi und Club Nor. Die weißen Gebäude mit den orientalischen Ornamenten erstrahlten hell in der Abendsonne, in einem Licht, dass es nur in Griechenland und selbst dort nur am späten Nachmittag gibt, das goldene Licht, das die Besucher seit Jahrtausenden fasziniert. Gerade der Club Nor sieht aus, als würde er Rick’s Café beherbergen, dieses legendäre Café aus Casablanca, das so nie existierte. Für die orientalische Kulisse lieferte angeblich das Fünf-Sterne-Hotel El Minzah in Tanger die Vorlage. Seit 2004 gibt es einen Nachbau in Casablanca, der bei Touristen sehr beliebt ist, doch echt ist da nichts. Im Gegensatz zu der Kulisse in Rhodos. Der Film Casablanca erinnert an das Dritte Reich, die Nea Chora an die italienisch-faschistische Besatzung.

Das tiefe Blau des Himmels ist einem strahlenden Türkis gewichen – wolkenlos. Der Wind hat gedreht und weht nun Richtung Meer und Türkei. Eine griechische Flagge flattert, drei Palmen wiegen sich sanft. Hinter mir liegt der Gouverneurspalast, vor mir die Hafeneinfahrt. Jetzt, am Abend, kommen die Ausflugsschiffe zurück in den sicheren Hafen. Auch einige Fischer sind darunter. Die Einfahrt zum Mandraki-Hafen ist eng und so reihen sich die heimkommenden Schiffe nacheinander ein, aufgefädelt wie an einer Perlenschnur. Ein Ausflugsschiff begrüßt den Hafen mit lauter Party-Musik. Ich glaube alle sind froh, als es vorbeigefahren ist.

Mein Roller steht vor der Murat-Reis-Moschee. Ich werfe einen Blick durch die Gitterstäbe des Zauns und erlebe ein ganz besonderes Schauspiel: die Sonne lässt die Grabsteine des muslimischen Friedhofs, der tagsüber grau im Schatten liegt, im reinsten Weiß erstrahlen. Es ist, als würden die Gräber jetzt plötzlich zum Leben erweckt werden, nicht im Sinne eines Horror-Films, sondern als eine Art transzendente, metaphysische Wiederauferstehung. Jetzt erkennt man auch die arabischen Inschriften auf den Grabstelen. Die Sonne schlägt harte Schatten und Schrift und Verzierungen, die tagsüber in einem tristen Halbdunkel ein unerkanntes Dasein führen, erscheinen sichtbar.

Da fällt mir Lawrence Durrells Beschreibung des Ortes wieder ein. „Wir wandelten in einer tiefen, ruhigen Finsternis , über der am Abendhimmel die ersten Sterne Gestalt annahmen. Eben jetzt, so erinnere ich mich, war es, daß wir gegen den kleinen Garten anliefen, der die Moschee von Murad Reis umgibt (…) und hier saßen wir eine Weile auf türkischen Grabsteinen, rauchten und freuten uns über die Dunkelheit, die jetzt (im Spätfrühling) eine fast greifbare Glätte hatte, die Seidigkeit alten Samts. (…)

Unter den Füßen knistern, während wir gehen, die spröden Sicheln der Eukalyptusbäume. Der Friedhof ist in einem traurigen Zustand des Verfalls. Viele Grabsteine sind in Stücke zersprungen, und an manchen Stellen hat das liederliche Wuchern des Laubes andere halb verdeckt. Die meisten der hier begrabenen sind türkische Zivilbeamte. Einige sind politische verbannte. Der Grabstein erinnert an das Geschlecht des Verstorbenen: ein schwerer Marmorturban ist das Zeichen des Mannes, eine Art marmorner Ananas das Zeichen der Frau. Die höheren Würdenträger haben eine kleine Gruft für sich – in der Form eines steinernen Schilderhauses mit gewölbtem Dach und verschlossenen Fenstern. Aber längst haben Wind und Wetter viele der steinernen Turbane abgebrochen und auf die Gehwege geworfen, wo sie wie Statuenköpfe herumliegen. (…)

Auch Hoyle fällt die eigentümliche Stille des Ortes auf, denn er sagt: ‚Hört nur!‘ und hebt seine Hand. Wir stehen und lauschen unserem eigenen Atem. Nur von weit dringt der alltägliche Lärm von der Straße herein. Aber so dicht ist die Stille, daß es ist, als lägen Haus und Garten unter einer Glasglocke.“ Letzteres lässt sich kaum überprüfen, da ich leinen Zugang zu diesem verzauberten Garten habe. Und außerdem ist es noch nicht dunkle Nacht, sondern Abend. Manche der Stelen ragen schräg über die Grabstätte hinaus. Auch die von Durrell beschriebenen marmornen Turbane kann ich erkennen, wie auch die Gruften der höheren Würdenträger. Gerne würde ich wie er die Nacht abwarten und wie er im sternenglänzenden Gras liegen und eine Zigarre rauchen, während ich die sich immer klarer abzeichnenden Sterne betrachte. Auch ein Glas Wein sollte nicht fehlen, der raue, griechische Wein, der nach Harz schmeckt.

Ich reiße mich los. Die Alltagsgeräusche dringen wieder zu mir durch, spätestens dann, als mein Roller mit sanftem Dröhnen anspringt. Ich nehme die Hauptstraße, die entlang an Durrells Haus und am Casino bis zum Meer führt, dort, wo ein einsamer Wachturm die frühere Stadtbefestigung erahnen lässt. Am Meer entlang und vorbei an modernen Hotelbauten, die sich mit ihren Beton-, Stahl- und Glasfassaden dem Meer stellen, zügig meiner Unterkunft entgegen. Kritika, Ixia und schließlich Ialysos. Mühelos finde ich einen Stellplatz auf dem Parkplatz vor dem Kassandra. Die Steine werfen die Hitze der Sonne zurück. Grillen zirpen. Der Himmel färbt sich rot. Ein ereignisreicher Tag geht zu ende.

Quelle: Lawrence Durrel, Leuchtende Orangen. Rhodos, Insel des Helios.

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