Kaffeehausliteratur

Das Fin de Siècle im Reich der Habsburger k. u. k. Monarchie gilt als das Zeitalter von Prunk und Dekadenz mit einem Hang zur Morbidezza, wie der österreichische Schriftsteller Georg Trakl es genannt hat, und war nicht nur ein letztes Aufbäumen der Belle Époque, es brachte auch verschiedene künstlerischen Strömungen hervor, denen ein besonderes Lebensgefühl inhärent war. In dieser Zeit entwickelte sich die Wiener Moderne, die bis zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges die vorherrschende Kunst- und Kulturrichtung war und deren Auswirkungen bis zur nächsten Katastrophe, dem Anschluss, spürbar waren.

Diese Wiener Moderne fand ihre Entsprechung in den bildenden Künsten – Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur – insbesondere aber in der Literatur. Die Schriftsteller jener Zeit wurden, halb bewundernd, halb abfällig, Kaffeehausliteraten genannt. Im Fahrwasser der Monarchie, die in nur wenigen Jahrzehnten Blüte und Untergang erfuhr, entstand parallel eine ganz besondere Institution: das Kaffeehaus. Als Kaffeehausliteratur werden deshalb literarische Werke bezeichnet, die ganz oder zumindest teilweise in einem Kaffeehaus geschrieben wurden.

Das Griensteidl 1896

Dabei hatte das Kaffeehaus eine doppelte Funktion: zum einen war es ein gemütlicher Platz zum Schreiben, zum anderen diente das Café den Autoren als Inspiration für Sozialstudien, Gelegenheitsliteratur und Feuilletons. Literatur wird als Zeitvertreib betrieben, oft sind die Texte nur fragmentarisch, flüchtige Notizen, Eindrücke und Gespräche. Peter Altenberg spricht von „Extrakten des Lebens“. Viele Intellektuelle verbrachten Stunden im Kaffeehaus, der Konsumzwang war unbekannt, um sich untereinander auszutauschen. 

Ende der 1880er wurde im Café Griensteidl von Hermann Bahr die Gruppe Jung-Wien gegründet. Nachdem das Griensteidl 1897 geschlossen worden war, entwickelte sich das Café Central zum Treffpunkt der literarischen Größen. Auch das von Adolf Loos gestaltete Café Museum und besonders nach dem Ersten Weltkrieg das Café Herrenhof gehörten zu den Literatencafés. Stefan Zweig beschreibt in „Die Welt von Gestern“ rückblickend seine Jugendjahre im Kaffeehaus: „Das Wiener Kaffeehaus stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann“.

Anzeige zur Eröffnung des Central

Zum Stammpublikum der Wiener Kaffeehäuser gehörten die Schriftsteller Alfred Adler, Peter Altenberg, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Hermann Broch, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Anton Kuh, Robert Musil, Leo Perutz, Ernst Polak, Alfred Polgar, Joseph Roth, Felix Salten, Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg und Franz Werfel, aber auch Maler, wie Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, die Architekten Adolf Loos und Otto Wagner und die Komponisten Franz Lehár und Alban Berg.

Auch in anderen Städten der Monarchie, wie Prag (Egon Erwin Kisch), Budapest (Ferenc Molnár, Dezső Kosztolányi), Pressburg, Brünn, Iglau, Laibach, Krakau (Stanislaw Przybyszewski), Triest und Zagreb (Antun Gustav Matoš) entstand Kaffeehausliteratur. Die Prager deutschsprachigen Literaten trafen sich im „Continental“, wo etwa Gustav Meyrink und Max Brod zu den Stammgästen zählten, und im „Café Arco“, in dem Franz Werfel und Franz Kafka verkehrten. Die tschechische Kaffeehausszene versammelte sich im „Café Union“ (etwa Jaroslav Hašek und die Gebrüder Čapek) und später im Café Slavia, das zu einem Treffpunkt der Avantgardisten wurde. In Budapest sind das Café New York, das „Abbazia“, das „Central“ und das „Hadik“ zu nennen, in dem zum Beispiel Frigyes Karinthy schrieb, in Triest das San Marco (Italo Svevo, James Joyce). Das Jama Michalika in Krakau war ein Zentrum des literarischen Kabaretts.

Café Central in Wien

Auch in Städten außerhalb Österreich-Ungarns gibt es Kaffeehausliteratur, die allerdings zum Teil eine andere Charakteristik hat. Beispiele sind das „Odeon“ in Zürich, in Paris das „Café du Dôme“ und das „Café Flore“ und in Ascona das Café „Verbano“. In Berlin bildeten das „Romanische Café“ und das „Größenwahn“ die wichtigsten Künstler- und Intellektuellentreffs. Dort verkehrten unter anderem Stefan Zweig, Erich Kästner, Ernst Deutsch, Gottfried Benn, Joachim Ringelnatz, Irmgard Keun und Grete Mosheim, Billy Wilder und Erich Maria Remarque.

Die mit dem Anschluss Österreichs einsetzende Vertreibung und Verfolgung des jüdischen Großbürgertums, das eine tragende intellektuelle Rolle innehatte, setzte der Zeit der Kaffeehausliteraten ein Ende, wenn auch manche Schriftsteller ihre Arbeit im Exil fortsetzten. Zum Beispiel im Züricher „Odeon“. Während des Dritten Reiches gaben sich hier die die Klinke in die Hand, die mit Nazideutschland nichts zu tun haben wollten: Klaus Mann, Rolf Liebermann und Alfred Kerr finden sich ebenso in der prominenten Gästeliste, wie die Schweizer Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, sowie James Joyce. 

Figur Peter Altenbergs im Café Central, Wien

Einem ganz besonderen Vertreter der Kaffeehausliteratur hat man im Wiener Central ein Denkmal gesetzt: Peter Altenberg, der bürgerlich Richard Engländer hieß und der der besonders für seine impressionistischen Prosaskizzen bekannt wurde. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern. Über ihn wurde gesagt, dass wen er nicht im Kaffeehaus sitzt, er gerade auf dem Weg dorthin ist.

Robert Menasse prägte 1958 retrospektiv den Begriff „Beruf Kaffeehausgast“. Auch wenn Altenberg nicht der einzige seiner Art war – es soll Zeitgenossen gegeben haben, die ein Kaffeehaus als ihre Postadresse angegeben haben – so gilt er doch als der Inbegriff, als das pars pro toto für einen Kaffeehausbewohner. Seine Notizen sind Momentaufnahmen eines Gelegenheitskünstlers – flüchtigen Eindrücken und Begegnungen sowie zufällig mitgehörten Gesprächen, die das gesellschaftliche Leben seiner Zeit skizzieren. An seinem Stammplatz im Central sitzt jetzt eine lebensgroße Abbildung von ihm. Der ewige Kaffeehausliterat.

Quellen: Wikipedia; Bildrechte: Titelbild von E. Kehnel/wikipedia, Stadtchronik Wien, Verlag Christian Brandstädter p. 360/wikipedia, Wikipedia, Thomas Ledl/wikipedia, Andreas Faessler/wikipedia.

6 Gedanken zu “Kaffeehausliteratur

  1. Über einen Lebensabschnitt Peter Altenbergs wurde ein Spielfilm gedreht: Man zeigte ihn hier auch als Trinker und dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt. Die Polizei musste immer ein Auge zudrücken, wenn er abends betrunken den Heimweg antrat und seine politischen Überzeugungen den Bürgerlichen ins Gesicht schrie .. Also eine Person, der ich mich durchaus zugeneigt fühle ..

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      1. Freu mich drauf. Er war schon ein Original mit Ecken und Kanten .. Alfred Adler war übrigens nur Schriftsteller insofern er seine psychologischen Erkenntnisse niederschrieb, denn er war ein Schüler von Freud. Seine Werke sind heute noch aktuell und für jeden leicht lesbar, besonders „Menschenkenntnis“. Das empfiehlt sogar Watzlawick. Ja, ich hatte mal an der Abenschule Abi nachgeholt und dann im Nebenfach Psychoanalyse studiert just for fun, bzw. als Eigentherapie, damit ich vom Kiosk wegkomme 🙂

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