Rhodisches Kaffeetagebuch: ein Islomane in der Villa Kleobulos

In Lawrence Durrells Reisebuch „Reflections on a Marine Venus“ – deutscher Titel „Leuchtende Orangen. Rhodos, Insel des Helios“ findet sich eine für ihn aufschlußreiche Stelle: „Unter den Notizen meines Freundes Gideon habe ich einmal eine Liste von Krankheiten gefunden, die bisher noch nicht in ein medizinisches System eingegangen sind. In der Liste fand sich auch die Bezeichnung ‚Islomania‘ (Inselsucht) für ein seltsames, aber keineswegs unbekanntes Leiden, das manche Gemüter befällt. Es gibt, so pflegte Gideon zu sagen, Menschen, die keiner Insel widerstehen können. Das bloße Bewußtsein, sich auf einer Insel, einer kleinen, von der See umzingelten Welt, zu befinden, berauscht sie auf eine kaum zu beschreibende Weise. Diese geborenen Islomanen, fährt er fort, sind die direkten Abkömmlinge der Atlantiden, und ihr ganzes Inselleben lang sehnen sie sich, ohne es zu wissen, nach der verlorenen Atlantis.“

Als Durrell eines frühen Morgens im Jahr 19945 kurz nach Kriegsende an Bord eines britischen HDML – ein 22 Meter langes, in Großbritannien konstruiertes Motorboot, das im Zweiten Weltkrieg zur Hafenverteidigung eingesetzt wurde – im Hafen von Rhodos anlandete, war das für ihn der Beginn eines zweijährigen Aufenthalts in der Funktion eines Informationsbeauftragten Londons. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwaltete Großbritannien kurzzeitig den Dodekanes. Für Durrell war das nicht der erste Aufenthalt in Griechenland. Zwischen 1935 und 1941 verschlug es die gesamte Familie Durrell auf die ionische Insel Korfu. Neben Lawrence Durrells Reisebuch „Prospero’s Cell“ – deutscher Titel „Schwarze Oliven. Korfu, Insel der Phäaken“ – berichten vor allem die Bücher seines jüngeren Bruders Gerald über diese Zeit. Doch das Inselleben fand mit dem Kriegseintritt Deutschland gegen Griechenland ein ungeplantes, jähes Ende.

Ich wurde auf Lawrence Durrell aufmerksam, als ich in Korfu Stadt im Bosketo Garden (auch Bosketo Durrell genannt) am Rande des Spianada-Platzes das Denkmal entdeckte, dass die Inselbewohner für die Durrell-Brüder errichtet hatten. Zumindest in literarischer Hinsicht wurde die Insel von beiden mehr als gewürdigt. Erst wieder daheim ging ich der Sache auf den Grund. Als ich Korfu zum zweiten Mal bereiste, tat ich das praktisch mit „Schwarze Oliven“ in der Hand. Auch war ich bereits stolzer Besitzer der Bücher über Rhodos und Zypern „Bitter Lemons“ – deutscher Titel „Bittere Limonen. Erlebtes Cypern“ – dem letzten Band der Insel-Bücher. Durrell wurde mehrmals für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen, er sollte ihn allerdings nie bekommen.

Auf Korfu quartierte Durrell sich in der „Villa Kleobulos“, dem heutigen Lawrence Durrell House, ein, eine kleine Villa nahe dem alten türkischen Friedhof und im Schatten der Murat-Reis-Moschee. Genau genommen lag dieser Friedhof an den Ausläufern der Nea Chora, der vom faschistischen Baustil geprägten „Neustadt“ zur historischen Altstadt hin. Für Durrell, der zuvor im Hotel  Grande Albergo delle Rose, einem großen damals modernen Kasten mit Casino, den die Italiener in den 20er Jahren als Prestigebau errichtet hatten und der heute wieder ein 5-Sterne-Hotel beherbergt, eine deutliche Verbesserung. Die kleine Villa gehörte vorher einem Italiener, der Repatriiert wurde. Es bestand, so Durrell, „aus einem winzigen Studio, Schlafzimmer und Badezimmer.“ Nachdem der Mufti, der letzte auf Rhodos verbliebene Türke, seine Einwilligung erteilte, konnte Durrell einziehen.

Als ich zwölf Jahre zuvor auf Rhodos war wusste ich noch nichts von oder über Durrell. Weshalb mich mein erster Weg natürlich zur „Villa Kleobulos“ führte. Benannt wurde dieses Haus übrigens nach Cleobulus (Kleobulos von Lindos), ein antiker griechischer Dichter und politischer Herrscher der Stadt Lindos im 6. Jahrhundert v. Chr. Er wird traditionell zu den Sieben Weisen von Griechenland gezählt. Von ihm stammen Sprichwörter, wie: „Maß ist das Beste“, „Im Glück nicht stolz, im Unglück nicht niedrig sein“ oder „Gesund sein an Leib und Seele“. Am Ende seines Buches über Rhodos und am Ende seines Aufenthaltes dort fragt sich Lawrence Durrell “ Werde ich wieder auf Inseln leben, eine neue Zukunft haben? Wohl kaum, wenn man mit der Meeresvenus gelebt hat. Die Wunden, die sie zufügt, trägt man bis zum Ende der Welt.“

Quellen: Wikipedia, Lawrence Durrell, Leuchtende Orangen. Rhodos, Insel des Helios.

6 Gedanken zu “Rhodisches Kaffeetagebuch: ein Islomane in der Villa Kleobulos

  1. Na ja, bei mir ist es wohl eher die Continensitis. Aber eine Insel tut es auch, Hauptsache, fester Boden! – Was in Griechenland, das ich gern besuche, nicht immer so gegeben ist, da dort doch sehr viel Bewegung ist. Sprich Erdbeben, Vulkanismus…

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..