Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Mausoleum Heinrich Schliemann

Es gibt ein Grabmal, dass alle anderen auf dem Ersten Athener Friedhof überragt. Es ist die letzte Ruhestädte des Archäologen, Kaufmanns und Pionier der Feldarchäologie Heinrich Schliemann. Als erster Forscher führte er – geleitet vom Werk Homers – Ausgrabungen im kleinasiatischen Hisarlık durch und fand die von ihm und zuvor schon anderen Forschern, vor allem Frank Calvert, hier vermuteten Ruinen des bronzezeitlichen Trojas.

Schliemann grub und forschte an einigen Orten, die ich schon besucht habe, immer mit einem Buch von Homer in der Hand. 1868 suchte er auf Korfu nach Spuren der Phäaken. Dabei meinte er, unter anderem, den Platz gefunden zu haben, an dem Odysseus und Nausikaa, Tochter des Königs Alkinoos, aufeinander trafen. Der königliche Palast müsste daher auf der Halbinsel Analipsis gelegen haben. 1874 machte er sich an die Ausgrabung Mykenes, dass er aufgrund der Angaben in Homers Illias lokalisierte. 1884 grub er zusammen mit dem Archäologen Wilhelm Dörpfeld die Zyklopenmauern von Tiryns aus. Doch den meisten Eindruck machte er mit der Entdeckung Trojas.

Mittlerweile war Schliemann Athener geworden. Bereits 1870 ließ er sich zusammen mit seiner zweiten Frau Sofia Engastroménou in Athen nieder und erwarb eine Villa in der Odos Mouson nahe dem Syntagma-Platz. Im selben Jahr wählte ihn die Griechische philologische Gesellschaft in Konstantinopel zum korrespondierenden Mitglied. 1878 ließ er sich von seinem Freund Ernst Ziller die Villa Iliou Melathron in Athen errichten.

Ziller war es auch, der für Schliemann das Mausoleum gestaltete. Dieses Grabmal auf dem Athener Zentralfriedhof, das 1891 errichtet wurde, spiegelt den Charakter und die Ansprüche Schliemanns wider. Von seiner Architektur her ist es an den Nike-Tempel auf der Athener Akropolis angelehnt; es besitzt jedoch dorische Säulen, die denjenigen des Parthenon in Athen ähneln. Der Fries setzt sich aus Szenen aus der Ilias und Odyssee zusammen und zeigt zudem Ausgrabungsszenen aus Schliemanns Leben sowie Szenen der Familie Schliemann. Diese enge Verknüpfung der homerischen Epen mit Schliemanns Leben zeugt von einem gewissen Narzissmus – genauso wie die im Grab aufgestellte Büste, deren Blick immer auf die Akropolis gerichtet ist.

Im Jahr 1888 verfügte Schliemann testamentarisch, dass er auf dem Athener Friedhof sowohl den Ort seiner letzten Ruhestätte festgelegt habe als auch mit dem berühmten deutsch-griechischen Architekten Ernst Ziller deren Form. Zillers Grabmal für Heinrich Schliemann auf dem Ersten Athener Friedhof zeigt bis in kleine Details den Typus von Monument, wie er für antike Heroen errichtet wurde. Das Grabmal besteht aus einer großen Grabkammer als Unterbau für einen friesgeschmückten Sockel, auf dem wiederum ein dorischer Amphiprostylos steht.

Neben dem Tempel der Athena Nike beeinflusste auch der Parthenon Zillers Werk. Ziller entsprach auch dem Wunsch Schliemanns, dass der Fries Szenen aus der Ilias zeige und dass die Metopenfelder archäologische Funde Schliemanns wiedergeben sollten (so ist z. B. das Löwentor von Mykene erkennbar. Der Nordfries war Schliemann selbst gewidmet, er zeigt Szenen der Geschichte seiner Ausgrabungen und das Ehepaar Schliemann und zwischen den Säulen steht auf der Schauseite des Mausoleums zudem noch eine Büste des Archäologen.

Eines ist die Grabstätte auf keinen Fall: bescheiden. Doch werfen wir noch einen Blick auf die Umgebung. Vom antiken Olympieionaus führt die von Beerdigungsinstituten und Gärtnereien gesäumte Straße der – ewigen – Ruhe zum Ersten Friedhof Athens. Dort, auf dem 1837 eröffneten Friedhof, liegen sie, die Athener Familien, Griechen und Ausländer, Griechisch-Orthodoxe, Juden, Protestanten sowie Katholiken, Frauen, Männer und Kinder.

Unter ihnen auch die großen Wohltäter der Nation, deren Gräber in erstaunlich vielfältigen Variationen die Selbstdarstellung der Toten widerspiegeln: Manche bevorzugten als Grabschmuck eine Büste oder Statue, andere wählten riesige Grabdenkmäler mit Einflüssen aus der liebsten Kunstepoche, wieder andere präferierten einfache, fast zu übersehende Grabplatten ohne jeglichen Verweis auf gewesenen Reichtum oder Rolle innerhalb der Gesellschaft.

Viele Grabmausoleen sind kunsthistorisch bedeutende Beispiele des Neoklassizismus. Die Grabskulpturen wurden vorwiegend von Marmorbildhauern aus Tinos gehauen. Die berühmteste ist die Skulptur der liegenden Sofia Afendaki des Bildhauers Giannoulis Chalepas, die wie viele Skulpturen im Friedhof vom Klassizismus eines Antonio Canova beeinflusst ist. Neben Schliemann liegt hier übrigens auch Ernst Ziller und der deutscher Archäologe Adolf Furtwängler, Professor für Klassische Archäologie in München und zugleich Leiter des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke. 1896 wurde er daneben Direktor der Glyptothek und des Antiquariums in München.

Der Friedhof ist übrigens bis heute in Betrieb. Die Grabmale selbst fallen mehr oder weniger bescheiden aus, von klein bis monumental. Zumal einige wohl Schliemann nacheiferten, was den Friedhofshügel beinahe zu einer Kleinstadt macht. Viele zeigen den oder die Verblichene als Figur oder Relief, mal klassisch, mal modern. Auf jeden Fall ist der Erste Athener Friedhof einen Besuch wert.

Quellen: Wikipedia, suh.hypotheses.org, Der Standard, sagen.info.

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