Korfiotische Kaffee-Erinnerung: die Insel Pondikonisi (Update)

In der griechischen Mythologie ist Chraron der düstere, greise Fährmann, der die Verstorbenen über den Fluss Acharon – manchmal auch Styx – ins Totenreich übersetzt. Auf der anderen Seite des Flusses wartet der Eingang zum Hades auf die Verblichenen. Doch der Fährmann will bezahlt werden! Deshalb legte man den Toten ein Goldstück unter die Zunge. Denn wer den Fährmann nicht entlohnen konnte, den stieß er vom Boot. So verstoßen musste man hundert Jahre an den Gestaden des Flusses umherwandern, bis man es erneut versuchen konnte.

Auch soll Charon unbestatteten Toten die Überfahrt verweigert haben. Nur von einem Lebenden wird berichtet, der seine Dienste in Anspruch nahm. Das war Orpheus, der auf der Suche nach seiner Eurydike in die Totenwelt hinabstieg. Doch ein Ratschlag findet sich in fast allen Mythen, die sich um den Fährmann ranken. Man zahlt ihn erst am Ende der Fahrt…

Es gibt noch eine weitere Verbindung zu Charon: die Insel Pondikonisi, die Mäuseinsel, wird oft mit der Toteninsel von Arnold Böcklin verglichen. Der Hauptvertreter des deutschen Symbolismus malte das Bild im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Es zeigt eine von Trauerzypressen bewachsene Insel mit steinernen Gebäuden mit Totennischen. Ein kleiner Nachen nähert sich der Insel. An Bord zwei weiß gekleidete Frauen und ein Sarg.

Heute weiß man, dass Böcklin nie auf Korfu gewesen ist, die Ähnlichkeit zur Mäuseinsel ist also wahrscheinlich eher zufällig. Doch auch ohne Böcklin hat das Inselchen einiges zu bieten. Die flache und ursprünglich nur zwei Meter hohe Insel misst etwa 100 Meter × 110 Meter und hat eine Fläche von gut einem Hektar. In der Mitte der Insel befindet sich auf einer künstlich errichteten Anhöhe eine Byzantinische Kapelle, deren Ursprünge aus dem 12., möglicherweise schon aus dem 11. Jahrhundert, stammen. Die Kapelle wird von hohen Zypressen umgeben, die der Insel ein markantes Aussehen geben. Hier enden aber schon die Parallelen.

Für meine Überfahrt musste ich einen Charons-Jünger anheuern. Schließlich wollte ich nicht schwimmen, wie weiland die Kaiserin Sisi, die damit ihre Leibwache in die Verzweiflung trieb. Am Steg zum Vlacherna-Kloster spreche ich beim greisen und freundlichen Zahlmeister vor. Charons Nachfahre sieht eher aus wie ein Steuermann aus „Pirats of the Caribbean“. Dunkle Sonnenbrille, Dunkler Pullover und ein rotes Kopftuch. Noch während ich beim Zahlmeister meinen Obolus entrichte, schlendert er langsam zu seinem Boot, macht die Leinen los und legt in dem Augenblick ab, in dem ich die Reling erreiche.

Die darauf folgende Schipfkanonade, die der Zahlmeister auf den Seemann niederprasseln lässt, muss nicht übersetzt werden. Ich verstehe sie auch so. Als Toter wäre ich vielleicht froh über den kleinen Aufschub gewesen, als Lebender hätte ich die Wartezeit bis zur nächsten Fähre vermutlich schadlos überstanden. Doch auch Charon hat die Botschaft verstanden, macht kehrt und nimmt mich wortlos an Bord. Sollte ich mir Gedanken über meine Rückfahrt machen?

Die kleine Insel selbst ist von Zypressen und Pinien bewachsen, dazwischen Kakteen und dornige Büsche. An der Seeseite sind Felsen wallartig aufgetürmt, wohl um die Insel vor hohem Seegang zu schützen. Über eine Treppe erreicht man die kleine Kirche auf der künstlichen Anhöhe. Von hier hat man einen schönen Blick zurück zu den Hotels und Cafés von Kanoni, ebenso zu den Hotels, die sich mit ihren Fundamenten in die Felsküste gekrallt haben auf der anderen Seite. Von Zeit zu Zeit gleitet ein Urlaubsflieger vorbei.

Neben der Kirche ist ein Souvenirladen eingerichtet. Anders, als auf der großen Insel Korfu dominieren hier hochwertige und zum Teil recht ansehnliche Töpfer- und Tonwaren. Beliebtes Motiv ist das blaue Auge, dass nach antiker Überlieferung den bösen Blick abwenden soll. Betrieben wird der Laden von einem Bärtigen, der in etwa so wild aussieht, wie man sich den mythologischen Fährmann vorstellen kann. Sollte sich Charon zur Ruhe gesetzt und auf Böcklins Toteninsel ein Geschäft eröffnet haben? Doch ist er ausnehmen freundlich und ich bekomme bei ihm sogar einen leckeren griechischen Kaffee, den ich in etwa da genieße, wo wahrscheinlich schon Sisi zwischen zwei Schwimmturns verschnaufte.

Von der Österreichischen Kaiserin ist bekannt, dass sie auf der Mäuseinsel nach Ruhe und Entspannung suchte, oft auch im Schutz der Kirchenmauern. So gestärkt mache ich mich auf den Rückweg. Tatsächlich nimmt mich mein Fährmann anstandslos mit zurück. Einen Schreckmoment gibt es aber trotzdem, als sich von Norden aus ein Piratenschiff nähert. Offenbar vermuten sie bei uns keine lohnende Prise und lassen uns ungeschoren ziehen. Als wir anlegen bekommt Charon ein Silberstück von mir. Gold bekommt von mir nur der echte Charon…

Morgen durchqueren wir einen verwunschenen Garten und machen uns auf die Suche nach einem magischen Ort.

11 Gedanken zu “Korfiotische Kaffee-Erinnerung: die Insel Pondikonisi (Update)

  1. So ein blaues Kunststoff – Auge bekam ich mal von einer libanesischen Kollegin geschenkt, das scheint rund ums Mittelmeer ein gängiger Aberglaube zu sein. Immerhin bekam ich kein anderes blaues Auge verpaßt, weder von ihr, das wäre ihr auch ferngelegen, noch von anderen Menschen, nur mal vom Fahrrad respektive Laternenmast…
    Kleine Nachfrage, ich habs grad nicht parat: Wie kam noch mal Odysseus runter ins Totenreich, denn auch er besuchte es der Sage nach als Lebender?

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  2. Interessant ich wollte immer auf die kleine Insel.
    Meine Schwester meinte immer ist langweilig.
    Mein Schwager wäre mit uns bestimmt mal rüber geschippert.
    Ich weiß gar nicht ob meine Eltern mal da waren.
    Ach schöne Kindheitsurlaubserinnerungen kommen bei Mir da hoch.
    Danke Dir dafür.
    Ja, Sissi war cool und sehr freiheitsliebend.
    💖

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        1. Ich glaube er ist unterm Strich ein netter Kerl. Mir ist so jemand lieber, auch wenn er manchmal Gefahr läuft mit seinen Kommentaren anzuecken, als jemand, der jahrelang nichts postet, dann in einem Beitrag von mir einen Fehler entdeckt und mir das dann nicht etwa in einer privaten Nachricht mitteilt, sondern groß und breit in der Kommentarspalte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Anwesende ausgenommen.

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          1. Hast Du meine 3 Gedanken von gestern mal gelesen?
            Solltest Du mal tun.
            Ich glaub auch,
            dass Er ganz nett ist.
            Ich denke Er hat viele Probleme und eckt gerne absichtlich an.
            Da ich das auch gerne tue.
            Habe ich Ihn von meinem Blog verbannt.
            Es gab ellenlange Diskussionen in denen ich mich erklären musste.
            Ehrlich hatte ich keine Lust drauf.
            Ich glaube Er hat nicht allzu viele Freunde und ist sehr einsam.
            Ich würde sogar soweit gehen,
            dass wir uns gar nicht unähnlich sind und genau dass stort Ihn ja so.
            Ich lasse mir nicht die Wurst vom Brot nehmen und dass mag Er nicht.
            Ist aber definitiv nicht mein Problem wie Du beim letzten Mal lesen konntest.
            Und dass was Er hier schrieb fasse ich tatsächlich als großes Kompliment auf.
            Vielleicht ist es ja genau dass, was Ihn jetzt so störte.
            Finde ich sehr witzig.
            Er ist gut im provozieren.

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                  1. Du ja, mir dreht er heden Satz um und ich hab keine Lust auf Psychologie und psychologisches Gewäsch auf meinem eigenen Blog.
                    Manche Menschen finden das toll.
                    Andere studieren es weil Sie mit sich selber nicht klar kommen.
                    Ich brauch beides nicht.
                    Zumal er mir tatsächlich das Wort im Mund umdreht und ich dann das Gefühl hab ich muss es richtig stellen.
                    Das ist nicht fair finde ich.
                    Und zum Kompliment kann ich nur sagen da hat Er sich definitiv mit verraten und das selbst bemerkt.
                    🤣😂

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