Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Nafplio bei Nacht

Ich komme gerade mit den letzten Sonnenstrahlen in Nafplio an. Die Nationalstraße 70 zweigt in Argos von der Nationalstraße 7 ab und führt, von zwei leichten Knicks abgesehen, schnurgerade in die frühere griechische Hauptstadt. Der größte Teil der Altstadt ist für den Verkehr gesperrt. Vielleicht ganz gut so, sind die Gassen hier doch so schmal, dass an Autoverkehr nicht wirklich zu denken ist. Also parke ich unweit vom Stadtgericht von Nafplio zumindest halbwegs legal und mache mich zu Fuß auf den Weg zu meinem Hotel.

Über eine schmale Gasse erreiche ich das Sagredo, ein historisches Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, das erst 2018 komplett renoviert wurde. Es verspricht elegante und komfortable Zimmer in unmittelbarer Nähe zur Kirche des Heiligen Spyridon und des Syntagma-Platzes und seinen schönen Geschäften in der historischen Altstadt. Mein Zimmer hingegen ist eher klein und verschachtelt, aber für eine Nacht lasse ich mir das eingehen.

Nur 100 Meter vom Sagredo entfernt ist das Vouleftiko, das älteste Parlament von Griechenland. Ursprünglich wurde das Gebäude im Jahr 1730 während der zweiten türkischen Besetzung der Stadt als Moschee errichtet, bestehend aus einer großen Halle, die von einer riesigen Kuppel überdacht war. Von Herbst 1825 bis Frühjahr 1826 beherbergte Vouleftiko – das inzwischen vom Architekten Vallianos erbaut worden war – das griechische Parlament. Daher der Name Vouleftiko, der bis heute bekannt ist und so genannt wird.

In den Gassen und Gässchen rund um den Syntagma-Platz gibt es zahlreiche Geschäfte und Tavernen. Zu erwähnen wäre hier das Komboloi-Museum. Vermutlich ist es das einzige seiner Art auf der Welt, zumindest steht das auf der Webseite. In vier Räumen werden unzählige muslimische, christliche, orthodoxe und katholische Gebetsketten aus über fünf Jahrhunderten gezeigt. Natürlich kann man hier auch welche kaufen. Ich kaufe tatsächlich ein Komboloi in Nafplio, aber woanders.

Manche Gassen sind eher schummrig und dunkel, andere sind von den Schaufenstern der Läden und Geschäfte hell erleuchtet. Bis spät in die Nacht sind viele Leute auf den Straßen, gehen shoppen, einkaufen oder suchen nach einer guten Taverne. So wie ich. Fündig werde ich nach einigem Suchen in der Gasse, in der auch meine Unterkunft liegt. Erster positiver Eindruck: ich gehe an dem Restaurant vorbei ohne sofort angesprochen zu werden. Ungestört kann ich einen Blick auf die Karte werfen und entdecke dort Schweinebauchkoteletts mit Honig – da läuft einem das Wasser im Mund zusammen!

Aber zuerst bringt mir der freundliche Kellner des Karima Kastro eine eisgekühlte Flasche Moysa-Bier, ein lokales Lager hier aus der Region. Es ist, obwohl Anfang November, noch so warm, dass ich draußen essen kann. So genieße ich mein leckeres Bier und mein einfaches aber vorzügliches Essen. Griechischer Honig und Rosmarin geben dem gegrillten Schweinefleisch sein ganz besonderes Aroma. Ein Volltreffer.

Bevor wir zu Bett gehen noch hier ein paar Fakten über Nafplio, altgriechisch Nauplia: Die eigentliche Stadt hat heute etwa 14.000 Einwohner und war von 1829 bis 1834 die provisorische Hauptstadt von Griechenland. Der Name des Ortes wird wahrscheinlich bereits um 1370 v. Chr. unter Amenophis III. in einer seiner Ortsnamenlisten als Nupliya erwähnt. Zu jener Zeit bestanden Handelsbeziehungen zwischen Ägypten und der Argolis. Dem Mythos zufolge wurde die Stadt unter dem Namen Nauplia von Nauplios, dem Sohn des Poseidon und der Amymone, gegründet und war die Heimat des Sagenhelden Palamedes. Im 7. Jahrhundert v. Chr. wurde Nauplia vom benachbarten Argos erobert, ansonsten spielte es in der Antike keine größere Rolle und war bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. verlassen.

In byzantinischer Zeit wurde Nafplio neu gegründet und erlangte durch seine strategische Lage Bedeutung. 1211 wurde Nafplio während der Zeit des Lateinischen Kaiserreichs von den Venezianern erobert. 1542 kam die Stadt zwischenzeitlich unter türkische Herrschaft, jedoch wurde sie von den Venezianern zurückerobert und war als „Napoli di Romania“ von 1686 bis 1715 die Hauptstadt der Provinz Morea. Während dieser Zeit wurde die Stadt nochmals stark befestigt, wovon noch heute die Bastion Palamidi zeugt. 1715 wurde es unter Sultan Ahmed III. unter grausamsten Umständen von den Türken erobert, die ein Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung und den venezianischen Soldaten verübten.

Nafplio wurde während der Griechischen Revolution ein Jahr lang von griechischen Revolutionstruppen belagert und schließlich im Dezember 1822 erobert. Von 1829 bis 1834 war Nafplio nach Ägina (1827–1829) die zweite Hauptstadt des modernen Griechenland nach der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. 1833 wurde die Stadt Residenz von Otto von Bayern, der griechischer König wurde. Im Jahr 1834 zog der Hof nach Athen, das seither die griechische Hauptstadt ist. Für heute reicht das an Theorie. Doch bestimmt geht es bald weiter mit dem Peloponnesischen Kaffeetagebuch. Und so schleiche ich durch die dunkle Gasse im Schutze der Nacht zu meinem Quartier…

Karima Kastro, Papanikolaou 32, Nafplio, Griechenland; Öffnungszeiten: täglich 13:00 – 23:00 Uhr. Sagredo, Kokkinou 20, Nafplio, Griechenland. Quellen: Wikipedia, komboloi.gr, sagredo.gr, discovernafplio.gr.

9 Gedanken zu “Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Nafplio bei Nacht

  1. Beim Griechen wird man immer satt. Wenn wir hier früher abends noch zum kleinen Griechen an der Ecke gingen, da bestellten die Damen in weiser Voraussicht nur einen Salatteller, denn der war so reichlich, dass er für eine Hauptmahlzeit reichte ..

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    1. Wir hatten zu dritt auf Kreta immer folgendes Prinzip: immer ein Gericht mehr als Personen. Allerdings bedeutete das + je nach Hunger, Appetit und Angebot – entweder drei Vorspeisen und zwei Hauptgerichte oder drei Vorspeisen und nur ein Hauptgericht. Hat immer gut gereicht. Die einzige Chance sich durch die umfangreiche kretische Küche zu fressen…

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  2. Es ist noch zu früh, um an eine Hauptmahlzeit zu denken, aber Rosmarin, ja, den hole ich aus dem Garten. Dagegen kochen wir doch eher selten mit Honig (und Zucker versuche ich ohnehin zu reduzieren. Außer natürlich da, wo er hingehört, Süßspeisen, Kuchen!). Aber ich kann mir das sehr gut vorstellen. Und auch Otto, wie er verdutzt dreinsah, als er erkannte, wo er da gelandet war. Nicht in einer heroischen Antike, sondern in einem heruntergekommenen, über Jahrhunderte von verschiedenen Besatzern ausgebeuteten und vernachlässigtem Land….

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