Samiotisches Kaffeetagebuch II: Ο Σταθμος

Es war an der Zeit sich von Pythagorion zu verabschieden. Ja, Samos ist die Hauptstadt und ja, wir wohnen in Ireon, aber der eigentliche Mittelpunkt der Insel ist Pythagorion. Hier ist einer der größten Supermärkte der Insel und nirgends auf Samos ist die Dichte an Tavernen und Geschäften so groß. Der Ort verfügt nicht nur einen zauberhaften und malerischen Hafen, hier gibt es auch viele Gassen und Gässchen, die zum Flanieren und Fotografieren einladen.

Hier konzentrieren sich die meisten Sehenswürdigkeiten des Eilands. Der Eupalinos-Tunnel, die Zyklopenmauern des Polykrates, das Kloster Panagia Spiliani mit der Heilquelle und der Kirchen in der Höhle, die Burg des Lykourgos Logothetis, die Ruinen der römischen Bäder in denen sich schon Cleopatra und Marcus Antonius vergnügt haben, die Kirche der Verklärung Christi des Erlösers, die das größte Gotteshaus auf der Insel ist, die kunstvolle „Blue Street“ und schließlich die Hafenmole, die seit über 2.500 Jahren ihren Dienst versieht.

Wie ein Halbmond umschließt die Kleinstadt den Hafen. Kleine Plätze mit schattigen Bänken laden zum Verweilen ein, bunte Blumen und Büsche sprießen an allen Ecken und Enden. Der große Supermarkt heißt Hera. Vom Heraion hat sie es ja nicht weit! Überhaupt scheinen hier viele griechische Gottheiten und Helden einen neuen Job gefunden. Zeus betreibt eine Taverne, wie auch die Hesperiden, Poseidon besitzt einen Autoverleih und Agamemnon vermietet Zimmer, um nur einige zu nennen. Neben dem Hafen ist die Straße, die von der Hauptstraße zum Hafen führt, das eigentliche Zentrum des Ortes.

Die Hauptstraße, vom Flughafen kommend, zweigt im rechten Winkel Richtung Samos Stadt ab, eine natürliche Engstelle, an der die Bussfahrer mühsam vorbeikurbeln müssen. Dabei kommen ihnen immer wieder Touristen entgegen. Ich befürchte, dass es gerade deutsche Touristen sind, die hier auf eine vermeintliche Vorfahrt beharren wollen. Meist vergeblich, den die Bussfahrer sind noch beharrlicher. Noch rücksichtsloser sind eigentlich nur die Taxifahrer.

Direkt an der Kreuzung liegt nämlich auch der größte Taxistand der Stadt. Wobei die Abfahrt nicht immer reibungslos verläuft, beanspruchen die Taxifahrer doch die Vorfahrt für sich, was zeitweise zu lustigen Tumulten mit anderen Verkehrsteilnehmern führt. Doch der Taxifahrer hat immer Recht! Zumindest behauptet er das lautstark aus dem Fenster heraus. Wenn man ihn bei der lauten Musik im Wagen überhaupt hört. Ein durchaus sehenswertes Schauspiel mit bühnenreifen Momenten. Griechischer Alltag eben.

Die „Taxizentrale“ ist ein kleiner, weißblau gestrichener Verschlag mit Telefonanschluss. In zwei Reihen stehen hier die grauen Inseltaxis an und warten auf Aufträge. Gegen 18:00 Uhr ist hier Hightime und bald schmilzt die sonst lange Warteschlange dahin. Ich sitze schon einmal Probe in einem der Taxis. Vielleicht ein gutes Zubrot zur Rente? Wer weiß!

Der beste Ort, um dieses tägliche Drama zu beobachten, ist das Café „O Stathmos“. An diesem Café kommt ohnehin niemand vorbei! „O Stathmos“ ist das Kafenio der Stadt, ist es doch der Treffpunkt für Samos-Reisende. Wer mit wem und wer überhaupt gerade auf der Insel ist, dieses Café ist Informations- und Nachrichten-Zentrale. Natürlich sitzt man draußen auf blauen Stühlen und an blauen Tischen, schließlich wäre innen dafür auch gar kein Platz, Straßenlärm und Abgase der wichtigsten Kreuzung des Ortes inklusive. Egal in welche Richtung man will, hier muss man vorbei!

Wir kommen mit dem Wirt und seiner Frau ins Gespräch. Tatsächlich kam die Frau ihren Mann im Café besuchen. Während der Saison ist er nämlich fast durchgehend im Café. Nur im Winter, wenn das Café wie der gesamte Ort in tiefen Schlaf fällt, hat er Zeit für seine Familie. Beide Töchter wollen lieber Studieren, als sich diese Plackerei zuzumuten. Und da ist es wieder, das typisch griechische Generationen-Problem: die Generationen davor haben mit Blut, Schweiß und Tränen Existenzen aufgebaut, die den Familien ein gutes Auskommen ermöglichen und den Kindern eine gute Ausbildung sichern. Doch die wollen dann später lieber in andere Berufe. Wer soll am Ende das Geschäft übernehmen?

Wir sind im Urlaub. Ich genieße einen Freddo Cappuccino, eiskalt und lecker. Und so sind wir für einen Moment nicht nur Zuschauer, wir sind Teil dieses pulsierenden Lebens. Kein Wunder, dass viele Ausländer hier auf Samos hängenbleiben, sesshaft werden und Cafés oder Geschäfte eröffnen. Und schon ist dieser flüchtige Moment vorbei. Eigentlich schade, dass wir morgen schon wieder zurückmüssen…

Ο Σταθμος, Pythagório, Samos; Öffnungszeiten: während der Touristen-Saison rund um die Uhr!

Ein Gedanke zu “Samiotisches Kaffeetagebuch II: Ο Σταθμος

  1. Es wäre gut, wenn die Griechen selbst auf die Namen achten würden, wenn sie einen Betrieb aufmachen. Bei Poseidon würde ich doch kein Auto, sondern ein Boot leihen! Und ein Zimmer bei Agamemnon? Ich würde kein Auge zutun und sicher nicht duschen, die ganze Zeit würde ich nach Hitchcocks Mr. Bates oder Klytämnestra Ausschau halten! Und in Heras Supermarkt würde ich keine Orange kaufen. Falls die überhaupt im Angebot sind. Sie soll zum goldenen Apfel Eris‘ ein recht schwieriges Verhältnis haben.

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