Kretisches Kaffeetagebuch: Matala – Shopping mit Hippie-Vibes

Als John Bowman 1962 hier aufschlug, gab es noch kein Hippies. „Ein weiterer lohnender Ausflug von Festos ist der Besuch des kleinen Badeörtchens Matala, des antiken Metallon, das neben Levin einst Hafen von Gortis war. Von der Festos Hügelkuppe bei einer kleinen Tafel „Matala“ nach links ab. (…) Durch flachgewelltes einsames Land fällt das Strässchen langsam gegen das Meer und führt in einer letzten großen Schleife nach Norden, an Äckerchen vorbei, direkt in die Bucht von Matala, die sich nach Westen zum libyschen Meer hin öffnet.

Unvergesslich ist der erste Blick auf den Strand mit seinem silbergrauen feinen Sand und den vielfarbigen Kieseln. Nicht von einer Mole, sondern von zwei hohen Felswänden ist der Naturhafen eingefasst. An seinem linken Rand liegt das kleine Fischerdorf, das aus übereinander gestaffelten Hütten und weißen kubischen Häusern besteht. Das Einmalige aber ist am rechten Steilrand. Direkt aus dem Meer steigt ein Vorgebirge auf, in dessen schräg geschichteten, leuchtend gelben Lehmsandstein-Wänden Höhlen in mehreren Etagen eingehauen sind. Diese scheinen ursprünglich Begräbnisstätten gewesen zu sein. (…)“

Und weiter: „Die Verpflegung ist sehr gut. Selbstverständlich hat es auch einige Tavernen und Cafés unten am Strand oder höher im terrassierten Dorf. Eine Malerkolonie hat sich in Matala niedergelassen, und viele kretische Familien aus der näheren und weiteren Umgebung verbringen ihre Sommerferien in dieser Bucht, deren salzhaltigem Wasser man besondere Heilkräfte zuschreibt.“ So beschreibt der Chronist am Anfang der 60er Jahre die Idylle des kleinen Dorfes.

Ende der 60er Jahre kamen die Hippies. Darunter viele junge US-Bürger, die ihre Teilnahme am Vietnamkrieg verweigerten, aber auch Musikerlegenden wie Bob Dylan, Cat Stevens und Joni Mitchell gelebt. Mitchells  Ihr bekannter Song Carey bezieht sich auf das Leben dort und erwähnt das (heute nicht mehr existierende) „Mermaid Café“ vor Ort. Später wurden die zweckentfremdeten Höhlen zur „archäologischen Zone“ erklärt und inzwischen wird auch ein Eintrittsgeld erhoben. Und wie sieht die einstige Hippie-Hochburg heute aus?

Der unvergessliche erste Blick fällt heute auf einen gebührenpflichtigen Parkplatz am Ortseingang. Die damals sehr gute Verpflegung hat sich dem Geschmack der dort vorbeieilenden Pauschaltouristen angepasst: Hamburger, Gyros, Pizza und Hot Dog. Statt den von den Hippies dereinst geschätzten einfachen Lebens trifft man hier auf Shopping mit Hippie-Vibes. Und aus dem kleinen Fischerdorf aus übereinander gestaffelten Hütten und weißen kubischen Häusern wurde ein großer Fress- und Flohmarkt mit allerlei Hippie-Devotionalien, „typische“ Hippie-Klamotten, Batik-Muster und „coole“ Sprüche. 

Oder wie Freund Martin das so treffend beschreibt: „Geschäfte über Geschäfte mit Hippie-Merchandising, so ziemlich jeder erdenkliche Artikel mit VW-Bus, Blumen oder Bob Marley drauf. Henna Tattoos. Und das Matala Beach Festival, gekauft von Amstel Bier aus den Niederlanden. Man mag von Hippies halten, was man will, aber mehr kann man eine Idee und Lebenseinstellung nicht mit Füßen treten.“ Wir ergreifen daher die Flucht. Nicht unerwähnt sollte aber noch bleiben, dass Matala eine bedeutende Rolle in der Mythologie Kretas spielt!

Hier soll es nämlich gewesen sein, wo Zeus als Stier mit der phönizischen Prinzessin Europa anlandete. Der Gott hatte sich in das schöne Mädchen verliebt und um sich ihr nähern zu können in einen Stier verwandelt. Als sie das schöne Tier streicheln wollte, raubte Zeus die Phönizierin und trug sie auf seinem Rücken übers Meer bis zur seiner Heimatinsel Kreta. In Matala angekommen verwandelte er sich in einen Adler und brachte Europa weiter nach Gortyn. Erst dort nahm er wieder seine menschliche Gestalt an.

Aus der Ehe mit Europa gehen die drei Zeus-Söhne Minos, Rhadamanthys und Sarpedon hervor. Freilich bleibt Zeus nicht dauerhaft mit Europa verheiratet, was man in der Antike aber nicht für erklärungsbedürftig gehalten hat. Berichtet wird jedoch, dass er für ihre Zukunft gesorgt und sie dem Kreter-König Asterios zur Frau gegeben habe, der dadurch zum Ziehvater der von Zeus gezeugten Söhne Europas wurde. Darüber hinaus erhält Europa die Verheißung, dass ihr Name durch die Benennung eines Erdteils weiterleben werde. Und so kam es ja schließlich auch. Wir hingegen verwandeln uns weder in Hippies, noch Stiere, noch Adler, sondern machen uns wieder auf den Weg nach Agia Galini.

Quellen: John Bowman, Kreta – Ein Reise- und Kunstführer, Flamberg Verlag, 1962, Wikipedia, Globetrottel.net, urlaubsguru.de, greece-moments.com.

6 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: Matala – Shopping mit Hippie-Vibes

  1. Wir waren auf unserer Hochzeitsreise auch in Matala. Hatten uns für ein paar Tage ein Motorrad zur Erkundung der Insel gemietet.

    Vor 30 Jahren kostete der Besuch der Höhlen gar nix. Und meinen Toilettenbedarf konnte ich in einer einfachen Strandbar nachgehen. Die Wirtin wirkte wie tatsächlich aus der Hippie-Zeit übrig geblieben und zeigte meinem Mann in der Zwischenzeit unverbindlich Ihre Speisekarte. Gerade weil wir knapp bei Kasse waren, nahmen wir bei ihr unser Mittagessen ein. Der Ort wirkte irgendwie magisch.

    Gut das wir ihn danach nie wieder besucht haben.

    😘😎

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      1. Genau.

        Nach einem „Zweitbesuch“ in Spanien haben wir uns vorgenommen das nie wieder zu machen.

        Warum ich wahrscheinlich auch die netten Leute auf Rhodos nie wieder sehen werde.

        Auf unserer Hochzeitsreise hatten wir das Hotel bei Heraklion. Bei unserem zweiten Auffenthalt war es Analipsi. Und auch bei unseren Türkeireisen waren es immer andere Orte. In Ägypten ebenfalls. Und auch mit dem WOMO suchten wir möglichst andere Orte oder zumindest Plätze aus.

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