Kretisches Kaffeetagebuch: Palast von Phaistos

Die Götter sind uns wohl gewogen. So interpretierten wir jedenfalls den Halo rund um die Sonne – eine Art Regenbogen bei strahlendblauem Himmel – den wir bemerkten, als wir am Parkplatz vor dem Palast ausstiegen. Wir waren sehr neugierig, gilt doch Phaistos, auch Phaestos und neugriechisch Festos, als als Gegenentwurf zu Arthur Evans Rekonstruktionen in Knossos. Hier wurde nicht rekonstruiert. Sich den Palast vorzustellen bleibt alleine der Phantasie des Besuchers überlassen. Eines muss man den Erbauern aber lassen: sie hatten ein Händchen für einen Bauplatz mit einer tollen Aussicht!

Rund 60 Kilometer südlich von Knossos erhebt sich hier auf einem Bergrücken in etwa einhundert Metern Höhe der zweitgrößte Palast der Insel. Der Ort ist strategisch gut gewählt: der kleine Hügelzug schließt die Messara-Ebene ab, wie der Bug das Schiff. Heute kann man sich kaum vorstellen, die der Palast im Laufe der Zeit komplett verschüttet werden konnte. Bereits im Jahr 1900 wurde hier vom italienischen Archäologen Federico Halbherr der Palast verortet.

Der Sage nach wurde die Stadt Phaistos von König Minos gegründet und nach einem Sohn oder Enkel des Herakles benannt. Erster Herrscher soll Minos Bruder Rhadamanthys gewesen sein. Nach dem altgriechischen Dichter Homer habe die Stadt unter König Idomeneus am Trojanischen Krieg teilgenommen. Zuerst im Schatten von Knossos entwickelte sich Phaistos zu einem wirtschaftlichen und politischen Zentrum, das Knossos zumindest ebenbürtig war. Ursprünglich direkt am Meer hat sich die Ebene vor dem Palast allmählich mit Schwemmland aufgefüllt.

Mehrfach wurde Phaistos durch Erdbeben und Brände zerstört und regelmäßig wie errichtet. Um das Jahr 1600 v. Chr. wurde ein aufwändiger Neubau des Palastes begonnen, der jedoch nie vollendet wurde. Gleichzeitig entstand der Palast von Agia Triada, der unweit von Phaistos reichhaltiger ausgestattet war, so dass angenommen wird, dass es sich bei Agia Triada um den neuen Herrscher-Palast handelte, während sich in Phaistos das kultische und wirtschaftliche Zentrum befand.

Ob nun letztlich eine Katastrophe oder die gewaltsame Eroberung Kretas durch die Mykener oder Achaier zum Untergang des Palastes von Phaistos und in Verbindung damit der ganzen minoischen Kultur führte, das bleibt im Dunkel der Geschichte. Hartnäckig hält sich die Legende, das der Vulkanausbruch auf Santorini ursächlich für das Ende der Tempelzeit auf Kreta ist. Mit dem Eintreffen der Dorer erlebte die Stadt als Polis noch einmal einen Aufschwung, doch in dem Maße, in dem Gortyn an Bedeutung gewann, schwand der Einfluss der minoischen Siedlung.  Die Stadtstaaten wurden später von der römischen Verwaltung aufgelöst und Phaistos bestand nur noch als Siedlung im Schatten Gortyns fort.

Eine Konkurrenz zu Knossos bestand auch während der Ausgrabungen vor. Der Goldschatz, den Heinrich Schliemann bei der Freilegung von Troja entdeckte und die zahlreichen Funde durch Arthur Evans in Knossos, setzte das italienische Grabungsteam um Federico Halbherr und Luigi Pernier zusehens unter Erfolgsdruck, den im Gegensatz zu den anderen Grabungen wurden hier kaum Artefakte geborgen.

Erst 1908 gelang mit der Entdeckung des Diskos von Phaistos ein Sensationsfund. Die Schriftsymbole auf beiden Seiten der Scheibe geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Manche vermuten gar eine Fälschung durch Emile Gilliéron, der sich schon bei der Rekonstruktion der Wandbilder in Knossos künstlerisch sehr frei betätigt hat. Die 45 Schriftsymbole wurden offenbar mit Stempeln in den noch weichen Ton gedrückt. Der deutsche Historiker und Archäologe Helmuth Theodor Bossert bezeichnete den Diskos in einer 1931 erschienenen Schrift als „das älteste, mit beweglichen Lettern hergestellte Druckwerk der Welt“.

Da es weltweit keinen weiteren Fund dieser Art gibt, kann letztlich keiner der Interpretations- und Übersetzungsversuche überzeugen. Sternenkarte, Kalender, eine Hymne an die große Mutter Ique, die minoische Schlangengöttin, ein Dokument aus Atlantis, bis auf Kochrezept ist so ziemlich alles dabei. Wie dem auch sei, er kann heute im Archäologischen Museum in Iraklio bestaunt werden und steht für Materialprüfungen nicht zur Verfügung.

Zurück zu den Fakten. Klassisch für die minoischen Palastanlagen ist der große Zentralhof. Ebenfalls beeindruckend der große Treppenaufgang und der Westhof mit einem Theater. Der Kern des Palastes ist ein Peristylium, um das die Zimmer, Lagerräume und Schreine angeordnet sind. Hier war auch das große Magazin. Die Waren, die in und um Phaistos hergestellt wurden, wurden in großen Tonkrügen, den Pithoi, aufbewahrt, von denen einige noch erhalten sind. Primär wurde in ihnen Olivenöl, Wasser, Honig, Salz und Getreide aufbewahrt. Man kann sehen, das die Mauern früher verputzt waren. Wie es ausgesehen haben kann bleibt der eigenen Vorstellungskraft überlassen.

Westlich der Lagerräume liegt der sogenannte Theater-Bereich mit den Prozessionsgängen. In einer tieferen Ebene lag der Getreidespeicher des ursprünglichen Palastes. Der westliche Propylon, der monumentale Eingang zum Palast, ist der größte und beeindruckendste seiner Art. Tatsächlich ist man sich über die Funktion dieser Palaststrukturen uneinig. Ob der Palast eines mächtigen Herrschers oder ein regionales Verwaltungszentrum, da aussagekräftige Schriftstücke aus der Zeit fehlen ist man auf Vermutungen angewiesen. Eindeutig hingegen ist, dass hier der gesellschaftliche Mittelpunkt war, dessen Macht sich weit über die Stadtgrenzen hinaus erstreckte.

War da neben dem Besucherpavillon am Eingang nicht ein Kaffee? Nach so viel eindrucksvoller Geschichte wird es Zeit für eine kleine Stärkung, meinen wir. Ob wir fündig wurden erfahrt Ihr morgen.

Quellen: Wikipedia, meetcrete.com, discovergreece.com, John Bowman, Kreta.

3 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: Palast von Phaistos

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