Kretisches Kaffeetagebuch: Frau Drache

Nach diesem unerwarteten Zusatzhaken geht es weiter nach Plan: Kostas hat als nächsten Halt eine Taverne ausgesucht. Und natürlich nicht irgend eine, sondern die Dragon’s Cave Tavern. Google verzeichnet etwas oberhalb der Taverne sogar eine Drachenhöhle. Auch in der näheren Umgebung gibt es einen „Dragon’s Overlook“ und einen „Dragons Beach“. Scheint ein vielseitiger Drache zu sein, dem wir – furchtlos wie wir nun mal sind – auf den Drachenzahn fühlen wollen.

„Drachenblick“

Von Etia führte uns der Weg zurück zur Hauptstraße, die Sitia mit Ierapetra verbindet. Etwa 28 Kilometer vor Ierapetra kommt ein Wegweiser nach Links nach Analipsi. Folgt man ihm, dann gelangt man nach etwa 500 Metern zu einer weiteren Abzweigung Richtung Guduras. Hier steht der erste Wegweiser zum Dragon’s Cave. Es geht also links und dann ungefähr drei Kilometer weiter Richtung Westen. Dabei durchquert man den kleinen Ort Lagkada. Linker Hand auf einer Anhöhe liegt die Taverne, die man über den Dragon’s Way erreicht. Und über der Taverne, irgendwo mitten im Hang, gähnt ein schwarzes Loch, die Drachenhöhle. Ein Weg zur Höhle ist nicht zu erkennen, also sehe ich mich vor meinem geistigen Auge schon, wie ich fluchend und schwitzend den Schotterhang hochklimme.

Horta

Ungestärkt will das keiner von uns. Auf der Speisekarte der Taverne, die übrigens einen tollen Blick aufs Meer bietet, finden wir einige traditionelle, kretische Gerichte und schlagen von allem bei den Vorspeisen zu: wir bestellen Fava, Tirokafteri, Horta und Keftedes „vegetable balls“. Dabei kann ich mir die launige Frage an die hübsche Tavernenchefin nicht verkneifen: „Ist der Drache zuhause?“ Sie bejaht. Und wo ist er jetzt? Oben in seiner Höhle vielleicht?, will ich wissen. „Nein“, sagt sie, „der steht vor ihnen!“

Keftedes

Nun, ich hatte mir Drachen bisher immer mit grünen Schuppen, Flügeln, Krallen, einem Riesenmaul mit feuerfesten, spitzen Zähnen und einem Schweif vorgestellt. Das passt aber nicht mit dieser attraktiven Frau in einem weißen Kleid zusammen. Gut, Prinzen in Frösche (und zurück) davon hatte ich schon mal gehört. Aber Drachen in Jungfrauen wäre für mich ein völlig neues Märchenkonzept. Das Rätsel ist schnell gelöst. Der Familienname ist Drakis, beziehungsweise in ihren Fall Drakou – also Drache! Man fand diese Taverne mit der Höhle darüber und der Rest ist Marketing.

Fava

Die Idee hat einige in der Gegend dazu ermuntert selbst Drachenplätze zu (er-)finden. Eine historische Grundlage, wie etwa ein Sage, fehlt. Deshalb sei die Höhle ober auch einfach nur eine Höhle und nicht einmal besonders tief und kein Drachenhort. Ich könne mir den Aufstieg also sparen. Aber die Spezialität des Hauses sei Gegrilltes. Wir einigten uns darauf, dass der Drache auf Kommando durch Feuerspeien das Fleisch grillt, und zufrieden mit diesem ausgezeichneten Kompromiss in bester Tradition kretischer Mythen ergänzen wir unsere Bestellung um eine kleine Portion gegrillte Lammrippchen, damit der arme Drache nicht arbeitslos wird.

„Drachengegrilles“ Lamm

Und schon bald versammeln sich die von uns bei Frau Drache bestellten kretischen Köstlichkeiten auf unserem Tisch. Horta (oder Chorta) ist ein typisch kretischer Wildkräutersalat, der mit Kartoffeln gekocht und mit Zitrone und Olivenöl serviert wird. Die Kreter sagen, sie hätten damit jede Notzeit überwunden, da man die Wildkräuter einfach überall finden kann. Unsere stammen aus dem Drachengarten. Die Keftedes waren sehr leckere Gemüsebällchen, die wir in dieser Art noch nicht gesehen hatten. Fava ist wieder typisch kretisch. Ein Platterbsenmus mit etwas Olivenöl – sehr schmackhaft! Außerdem diesmal statt Tzatziki ein Tirokafteri, eine pikante Schafskäsecreme. Schließlich vom Drachen gegrillte Lammrippchen. Und natürlich ein kleiner Nachtisch – Joghurt mit in Honig eingelegten Rosinen, dazu Apfelscheiben – aufs Haus.

Nachtisch

Beim Zahlen fragte ich, ob ich den Betrag nicht abarbeiten dürfte und dann in Raten von zehn Cent zurückzahlen dürfte. Frau Drakou meinte, das sei überhaupt kein Problem und ich könne sofort anfangen. Ich habe das wahrhaft verlockende Angebot schweren Herzens abgelehnt. Wir müssen doch schließlich erst unsere Reise vollenden. Aber wer weiß was die Zukunft bring? Die Chefin soll allerdings ein wahrer Drache sein!

Dragon’s Cave Tavern, Dragon’s Way, Lagkada, Lithines, Kreta, Griechenland; Öffnungszeiten: täglich 13:00 – 22:30 Uhr. Quelle: Globetrottel.net.

8 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: Frau Drache

  1. Kommt mir bekannt vor. Könnte sein das wir bei unserem Urlaub in Analipsi auch mal da waren und zumindest etwas tranken 🤔

    Wir hatten für ein paar Tage ein Auto gemietet 🚙

    😘😎

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  2. Viele solcher Orte entbehren jeder legenderistischen Grundlage, dafür sind die Einheimischen umso kreativer, wenn es darum geht, sie auszuschmücken. Das Essen sah sehr köstlich aus.

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