Kretisches Kaffeetagebuch: Kaffee mit dem Popen von Sitanos

Sitanos liegt 620 m über dem Meeresspiegel in einer Hochebene im östlichen Lassithi-Gebirge. Es wird angenommen, dass der Name mit der antiken Stadt Itanos zusammenhängt. Der Überlieferung zufolge fanden die Menschen von Itanos, die nach Erdbeben und Piratenüberfällen im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. verstreut und heimatlos waren, hier Zuflucht und gründeten ein neues Dorf – der Name leitet sich dann vom Genitiv von Itanos ab.

Andere glauben, dass Sitanos zu einem späteren Zeitpunkt von Menschen aus Itanos gegründet wurde, die nach der Zerstörung ihrer alten Stadt in byzantinischer Zeit oder nach den Überfällen von Khair ed-Din Barbarossa (1537-1539) oder sogar erst nach den türkischen Überfällen von 1645-1650 in das Gebiet ihrer alten Stadt zurückgekehrt waren. Angeblich sollen hier im Jahr 1583, wie von venezianischen Chroniken angegeben, bereits 54 Menschen gelebt haben. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass das Dorf Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet wurde.

Für uns war das nach dem verlassenen Ort Skalia, von dem nur noch einige Ruinen stehen, das erste bewohnte Dorf, durch das wir bei unserer Durchquerung des östlichen Lassithi-Gebirges kamen – und eine willkommene Gelegenheit Kaffee zu trinken. Direkt in einer Kurve fanden wir das Παραδοσιακό καφενείο, das Paradosiakó kafeneío, was nichts anderes bedeutet als das traditionelle Kafenio von Sitanos. Da die Straße dort sehr eng ist, mussten wir uns mühen einen geeigneten Parkplatz zu finden, was uns schließlich auch gelingt.

Als wir eintraten wurden wir neugierig beäugt von alten Männern mit Kaffeetassen und Raki auf den Tischen. Um den Dorfpopen saß, geschmückt mit seinem massiven Kreuz der griechisch orthodoxen Kirche und einem langen, weißen Bart, eine Art Sonntagsstammtisch – also das halbe Dorf (die männliche Hälfte). Natürlich grüßt man beim Eintreten den Priester zuerst, der grüßt huldvoll zurück und schon ist man akzeptiert. Im Umgang mit Touristen, die wir ja genau genommen waren, ist man hier wohl nicht geübt. Deshalb wurde ein Gast mit Englischkenntnissen zu uns geschickt, um die Bestellung aufzunehmen, aber für drei griechische Kaffee, einmal mono, zweimal diplo, reicht mein Griechisch Gott sei Dank. Die Wirtsleute schnippelten derweil Gemüse und bereiteten vermutlich das sonntägliche Mittagessen für die Dorfgemeinschaft vor. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dieser Café-Besuch an vielgerühmter und gesuchter Authentizität kaum zu überbieten sein. Also zwei tolle Kreta-Momente ganz kurz hintereinander.

Παραδοσιακό καφενείο, Paradosiakó kafeneío, Epar.Od. Sitias-Karidiou, Sitanos, Kreta, Griechenland; Öffnungszeiten unbekannt. Quellen: Wikipedia, globetrottel.net, crete-today.com.

4 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: Kaffee mit dem Popen von Sitanos

  1. Glücklich, wer solche schönen und seltenen Momente erleben darf. Wie kam es zu der Begegnung? Wart ihr mit dem Popen verabredet oder nur zufällig da?

    Der Begriff der Authentizität wird inzwischen überstrapaziert, hier passt er sicher gut hin.

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