Kretisches Kaffeetagebuch: Kavousi – alt wie ein Baum

Kavousi beansprucht gleich zwei Titel für sich: ältestes Dorf Kretas und der älteste Olivenbaum der Welt. Über beides lässt sich streiten. Zu den Fakten: Kavousi liegt im natürlichen und geografischen Zentrum der Präfektur Lasithi im Osten Kretas auf einer Höhe von 140 Metern am Fuße des Thripti-Gebirges. Nach Agios Nikolaos sind es 26 km, nach Ierapetra 20 km und nach Sitia 40 km. Kavousi hat ungefähr 600 Einwohner. Und Kavousi ist uralt und vermutlich das älteste Dorf der Insel, dass seit 4.700 v. Chr. durchgängig besiedelt war. Das zumindest besagen archäologische Funde aus 120 Stätten in der unmittelbaren Umgebung. Darunter die versunkenen Städte Azoria, Vronta und Kastro,

Der antike Ort Azoria, der nur einen Kilometer Hangaufwärts von Kavousi liegt, wurde bereits von der amerikanischen Archäologin Harriet Boyd-Hawes im Jahr 1900 erforscht. Ihr wichtigstes Ergebnis war eine rätselhafte Reihe von kreisförmigen Strukturen, die auf einem großen rechteckigen Gebäude lagen. In ihrem Artikel aus dem Jahr 1901 berichtet sie, dass sie „späteste mykenische“ und „frühgeometrische“ Töpferwaren gefunden habe. Sie beschloss allerdings das damals mehr versprechende Gournia freizulegen. Die Arbeiten hier wurden erst 2002 wieder aufgenommen.

Man vermutet, dass die minoische Kultur auch deshalb auf Kreta entstehen konnte, weil die damaligen klimatischen Bedingungen den Anbau von Nahrung begünstigte. Anders gesagt: im antiken Kreta schwelgte man in Reichtum. Die Ernsten vielen so üppig aus, dass man exportieren konnte. Einer der größten Reichtümer war das Olivenöl. Heute stehen auf Kreta mehr als 30 Millionen Olivenbäume mit einem Ertrag von 150.000-180.000 Tonnen im Jahr. Rund 90% des kretischen Olivenöls ist von der Kategorie „nativ extra“. Es ist säurearm und hinsichtlich Aroma und Geschmack exzellent. Grund hierfür sind die perfekten klimatischen- und Bodenbedingungen sowie die über Generationen weitergegebenen und stets verbesserten Erfahrungen im Olivenanbau.

Unter den Olivenbäumen gibt es auch mehrere sehr alte Exemplare, denn sie können durchaus ein Alter von 1.500 Jahren und mehr erreichen. So zählt Kreta alleine 18 Naturdenkmäler, also bemerkenswert alte Bäume. Um den Titel „ältester Baum der Welt“ konkurrieren zwei besonders alte Exemplare. Der in, beziehungsweise nahe Kavousi ist einer davon. Selbst vorsichtige Schätzungen kommen auf ein Alter von 3.000 bis 3.500 Jahren. Der maximale Durchmesser des Rumpfes beträgt 4,9 m und der Umfang 14,20 m. Basierend auf der Methode der jährlichen Ringe, wird geschätzt, dass der Baum in der Periode 1.350 – 1.100 v. Chr. gepflanzt wurde.

Das Naturmonument ist nicht leicht zu finden, da einen durchgehende Wegweisung fehlt. Kommt man von Westen, dann durchquert man auf der Nationalstraße fast den ganzen Ort Kavousi. Wenn rechts eine Kirche kommt, dann geht es die zweite Straße nach rechts – die erste ist eine Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung! An der richtigen Abzweigung weisen zwei große Wegweiser mit einer Vielzahl von Kirchen in die richtige Richtung. Auf dieser Straße muss man bleiben, bis man zu einem Schild mit der Aufschrift „Mnimiakí Eliá Azoriá“ kommt. Hier hält man sich links und ist nach zwei weiteren Kurven am Ziel. Ein beeindruckendes Stück Natur! In Gournia war ich bereits nachdenklich, als ich meine Hand auf einen heiligen Stein gelegt und mir vorgestellt hatte, dass genau das jemand vor 4.000 Jahren getan hat. Aber ein Baum, ein lebender Organismus, der über 3000 Jahre alt ist? Was könnte dieser Baum für Geschichten erzählen! Und trotzdem nur ein Blinzeln in der Menschheits- und erst recht in der Erdgeschichte.

Quellen: Wikipedia, cretanbeaches.com, critida.com, cretevillas4u.com, die-amphore.de, globetrottel.net.

16 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: Kavousi – alt wie ein Baum

      1. Ja ich denke auch, die Fotos bei Googlemaps sind quasi identisch. Ist aber unter normalen Umständen für uns im Herbst gute drei Stunden mit dem Auto entfernt. Würde bzw. hätte ich mir mal gerne angesehen.

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  1. Von diesem Baum gibt es eine kleine Anekdote: Für die Welturaufführung einer Oper wollten der Regisseur und der Mitte der Neunziger noch recht neue und umstrittene Intendant der Bayrischen Staatsoper als Bühnenbild unbedingt einen riesigen, uralten Olivenbaum. So schickte man ein Team von Fotograf:innen und Bühnenbildner:innen genau zu dem von dir beschriebenen Naturmonument. Zurück in München wertete man die unzähligen Aufnahmen aus und fertigte in mühsamer und langwieriger Kleinstarbeit einen riesigen Olivenbaum, der eins zu eins dem bei Kavousi glich. Die Kosten nur für dieses einzige Stück Requisite betrugen alles in allem über 50.000 DM. Kein Wunder, dass da die Wellen hochschlugen und überall in der Presse von fulminanter Steuergeldverschwendung die Rede war, als wegen Misserfolgs die Opfer nach nur vier Vorstellungen abgesetzt und der Olivenbaum verschrottet wurde.

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