Field Notes in the Field

Zusammenfassend lässt sich sagen: das war kein gutes Jahr für mich. Seit Ende Mai 2025 bin ich dauerhaft Krankgeschrieben. Der Grund: meine Nieren wollen nicht mehr richtig. Dem Arbeitsalltag entrissen lebe ich vom Krankengeld, und nein, das reicht nicht. Rentenantrag und Anträge für Grundsicherung und Wohngeld laufen. Komisch: wenn sie all die Unterlagen haben wollen, die sie meinen zu brauchen, dann kann es gar nicht schnell genug gehen (und das mit einer akuten Urämie, was dazu führt, dass man meistens müde, dämlich oder beides ist), sind alle Unterlagen eingereicht hört man wochenlang keinen Ton mehr.

Ende Februar wurde mir ein Katheder für die Bauchfelldialyse (CAPD) einoperiert. Im Prinzip funktioniert das so, dass ich daheim etwa zwei Liter eines Dialysats über den Katheder in den Bauchraum einfülle, die dann dort mehrere Stunden bleiben. Im Idealfall dreimal am Tag lasse ich das alte Dialysat ab und fülle neues Dialysat wieder ein. Das war die Kurzfassung. Wen’s interessiert bitte Googeln! Bei manchen funktioniert das reibungslos, bei mir nicht. Zuerst trat aus einer OP-Wunde eine unidentifizierte Flüssig aus, was mir einen zweiten Klinikaufenthalt einbrachte.

Immerhin wurde die Zeit genutzt mit gleich mit mir die Beutelwechsel zu trainieren. Dann kam die Zeit eines Schwindels, dessen Ursachen nur zum Teil bekannt sind. In der Praxis bedeutete das zum Beispiel bei einem Spaziergang, dass ich mich von Bank zu Bank hangelte. Ging ich Einkaufen zum Aldi gegenüber, dann musste ich oft an der Bushaltestelle vor dem Haus eine Pause machen. Und wie viele Pausen ich bei meinem Aufstieg in den vierten Stock (zuzüglich Hochparterre) machen muss, hängt extrem von der Tagesform und/oder ob ich was trage, ab.

Ich habe es mir trotzdem nicht nehmen lassen gelegentlich kleinere Ausflüge zu unternehmen, zumeist in die Schlierseer Gegend. Eigentlich kam ich ganz gut voran, so lange es nicht bergauf geht. So bin ich an einem guten Tag die sechs Kilometer vom Bahnhof Schliersee nach Fischhausen-Neuhaus gelaufen. Die Strecke ist mit einer bis anderthalb Stunden ausgewiesen, ich habe vier gebraucht, hauptsächlich wegen der vielen Pausen. Hingegen ist die Strecke von Schliersee zur Burgruine Hohenwaldeck mit dreihundert Höhenmetern für mich unüberwindlich. Den kleinen Rundweg über den Ledersberg hingegen schaffe ich an guten Tagen.

Gerade als es nicht mehr so knallheiß war, dass man sich wieder ins Freie wagen konnte und ich mir vorgenommen hatte jetzt jeden Tag etwas zu laufen um wieder Kondition aufzubauen und außerdem der Schwindel nur noch sehr selten auftrat, entdeckte ich an meinem Bauch eine Beule, die sich als eine Hernie herausstellte. Inzwischen ist das auch operiert worden. Allerdings ist nach einer Bauch-OP keine Bauchfell-Dialyse möglich, weshalb man mir einen Katheder im Hals platzierte, über den über vier Wochen eine Hämodialyse durchgeführte wird. Hämodialyse wollte ich eigentlich unbedingt vermeiden, weil mich das die Restleistung meiner Nieren kosten kann, was eine verminderte Trinkmenge nach sich zieht – lebenslang.

Heute, als ich das schreibe, habe ich eine Woche Hämodialyse hinter mir (dreimal die Woche jeweils vier Stunden) und habe damit zu kämpfen, dass diese Dialyseform bei mir Krämpfe provoziert. Die ersten beiden Stunden gehen noch ganz gut, dann fängt es an erst in den Waden zu ziehen, später auch am Spann. Wenn ich eine falsche Bewegung mache drohen Krämpfe und – nein! – aufstehen kann ich während der Dialyse nicht. Auch das wird vorüber gehen. Ich schweige mich ja sonst über mein Befinden eher aus. Trotz eines Blogs in dem ich viel über mich erzähle, habe ich trotzdem noch eine einigermaßen geschützte Privatsphäre. Ich erzähle Euch das alles, damit Ihr nachvollziehen könnt, warum ich meinen Blog so sang- und klanglos unterbrechen musste und weshalb sich so eine Unterbrechung jederzeit wiederholen kann.

Ich jammere sonst eigentlich gar nicht, nur insbesondere die letzten sechs Monate waren unterm Strich etwas viel für mich und die neun Monate davor auch nicht das Wahre. Auf einer meiner Spaziergänge am Schliersee habe ich im Gras dieses Notizbuch gefunden. Leider konnte ich die Besitzerin nicht ausfindig machen (sollte sie das zufällig lesen, dann bitte bei mir melden). Ich fand den Titel „Field Notes“ eigentlich ganz passen. Und da ich sie im „Field“ gefunden haben eben „Field Notes in the Field“. Von mir aus gesehen ein Anlass für eine Wasserstandsmeldung von mir aus gesehen. Schuldig bin ich Euch diverse Cafébesuche aus dieser Zeit – ich reiche sie stückweise nach. Jetzt hat es sich eh erstmal mit Cafébesuchen, denn zum einen ist meine tägliche Trinkmenge begrenzt (wenn ich mehr als eine Tasse Kaffee trinke muss ich das anderswo wieder einsparen), zum anderen ist meine Geldmenge noch begrenzter als meine Trinkmenge.

Bitte bleibt mir gewogen,

Euer Tom

26 Gedanken zu “Field Notes in the Field

  1. Ich seh dein Text nicht als „Gejammer“, sondern als Bestandsaufnahme für dich selbst und als Lagebericht für deine Mitblogger.

    Als ich nach meiner Krebs-OP zum Chirurgen sagte: „Sie haben mich verstümmelt!“, da antwortete dieser: „Aber sie leben!“

    Tom, denk immer dran, bei allen Schwierigkeiten mit deiner Erkrankung: „Du lebst!“

    In Verbundenheit und Freundschaft,

    Sven

    PS: Ja, die Ämter bauen hohe Hürden auf. Aber wenn sie keine Rückfragen mehr haben, sind sie mit den eingereichten Unterlagen zufrieden und man braucht nur noch Geduld.

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  2. Ich sehe es ähnlich wie Prinz Prospero.
    Du lebst und es ist kein Gejammer.
    Ich kannte eine Dame die über Jahre 3x die Woche zur Dialüse musste. Sie musste stark darauf achten nicht zu viel zu trinken.
    Wie hast du nur die heißen Tage überstanden?
    Allerdings muss ich PP widersprechen. Als ich Anfang des Jahres meinen Fuss gebrochen hatte und ich 11 Wochen ausfiel, musste ich meinem Geld quasi hinterher telefonieren. Das letzte Geld bekam ich nun endlich im August.
    Also warte nicht zu lange sondern erkundige dich zwischendurch.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Inzwischen ist der Bescheid für die Grundsicherung eingegangen. Laut Aussage von der Agentur für Arbeit dauern Anträge auf Wohngeld in München momentan bis zu zwei, Rentenanträge bis zu drei Jahre. Muss man Widerspruch einlegen kommen weitere zwei Jahre dazu. Auf der Webseite steht auf der Startseite, man möge doch bitte von Rückfragen Abstand nehmen.

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      1. Unglaublich diese Wartezeit.
        Wie man in der Zwischenzeit über die Runden kommt scheint denen egal.
        Hier muss man mittlerweile die Steuerbescheide selbst korrigieren und das Amt darauf hinweisen, sonst bekommt man nichts zurück. 🙄

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    2. Ach ja, während der heißen Tage hatte ich noch Bauchfelldialyse und damit etwas mehr Spielraum was das Trinken betrifft. Da hilft eine gute, medizinische Waage. Ich kann, wenn ich mehr schwitze, auch mehr trinken, ich muss halt darauf achten, dass ich nicht zunehme. An den ganz heißen Tagen habe ich bis zu einem Liter mehr getrunken, ohne dass es meine Bilanz gestört hâtte.

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  3. Grüße dich, lieber Tom.

    Es fällt mir unwahrscheinlich schwer deine Zeilen zu lesen, es trifft mich als sensiblen
    Mensch schwer und bis ins Mark.

    Ich weiß, dass es gerade nicht leicht ist und dass es Tage gibt, an denen alles zu viel erscheint.

    Ich wünsche dir von Herzen ganz viel Kraft, Mut und Zuversicht für jeden einzelnen Tag.
    Du musst nicht immer stark sein. Es ist völlig in Ordnung, wenn es auch einmal Tage gibt,
    an denen du traurig, erschöpft oder einfach nur müde bist.

    Geh deinen Weg in deinem eigenen Tempo und nimm dir die Zeit, die du brauchst.
    Ich hoffe, dass du immer wieder kleine Momente findest, die dir Hoffnung und
    ein bisschen Freude schenken.

    Ich bin in Gedanken bei dir und schicke dir ganz viel Kraft und eine herzliche Umarmung.
    Step by Step lieber Tom, step by step.

    Liebe Grüße und viel Kraft
    Michael, dein WordPress Freund

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  4. Das finde ich gut, dass du mal den Vorhang etwas beiseite gezogen hast, nachdem du vor Monaten Andeutungen hast fallen lassen, aber danach – zumindest habe ich es nicht in Erinnerung – recht schweigsam warst bezüglich deiner wirklich unbequemen Alltage unter all diesen rundum belastenden Umständen. Hoffentlich lässt sich therapeutisch das Schlimmste verhindern, und der Amtsschimmel bewegt sich schneller als unten im Kommentar beschrieben. Ich wünsche dir das Bestmögliche!

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    1. Ich dachte es sei der richtige Zeitpunkt dafür. Ich will das ja auch nicht in jedem Post thematisieren, aber einmal darf schon sein, zumal wenn sich einige Stammleser – so wie Du – bereits Gedanken über meine Gesundheit machten. Vielen Dank für Deine guten Wünsche. Ich kann sie alle brauchen.

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  5. Uff! Das war jetzt grad hart zu lesen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du solche Nierenprobleme hast.
    Die Behörden… Oh, je… Mit dem Sozialamt und der Rentenversicherung habe ich auch schon ein wahrlich gerüttelt Maß an Konfrontationen ausgefochten.
    Und vier Stockwerk ohne Lift – das ist schon sehr heftig. Bewundernswert, dass du da noch rauf und runter kommst.
    Ich wünsche dir zutiefst, dass für dich wieder bessere Zeiten kommen mögen.

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  6. Auch von mir von Herzen nur das Beste für dich. Ich finde es gut, dass du deinen Lesern in dem Fall einen Blick hinter die Blogkulissen gewährt hast. Ich drücke auch die Daumen, dass die Ämter bald aus dem Dornröschenschlaf erwachen und auch die ausstehenden Bescheide und vor allem die Kohle rasch rüberschieben. Bleib zuversichtlich!

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