Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Kap Sounion

Wir hatten heute schon die Sommerresidenz der griechischen Königsfamilie, ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert, moderne Bauruinen und Sportstätten der Olympiade vor 20 Jahren und schließlich eine moderne Beach Bar. Jetzt geht es in die griechische Antike, ins „Goldene Zeitalter Athens“, dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Um da hinzukommen folge ich einfach der Poseidon Avenue weiter Richtung Süden, an Glyfada vorbei und immer weiter die „Athener Riviera“ entlang, bis zum südlichsten Ecke Attikas.

Schon knapp drei Kilometer vor dem Ziel sehe ich es zum ersten Mal. Vor dem Ziel liegt nämlich eine Bucht und so kann ich sehen, was auf der anderen Seite ist. Bei diesem Anblick stelle ich mir die Frage, wie dies auf den antiken Menschen gewirkt haben muss. Die Frage habe ich mir in ähnlicher Form gestellt, als ich die Walhalla in Bayern besucht habe. Denn am Ufer gegenüber erhebt sich majestätisch seit über 2.500 Jahren der Tempel des Gottes Poseidon.

Es gibt Belege für die Errichtung von Heiligtümern auf dem Kap bereits im 11. Jahrhundert v. Chr. Die bedeutendsten Tempel Sounions, der Athenatempel und der Poseidontempel, wurden jedoch vermutlich erst um 700 v. Chr. erbaut. Die Griechen betrachteten Poseidon als den „Herrn des Meeres“. Angesichts der Bedeutung des Seehandels für Athen und der Wichtigkeit seiner Marine für dessen Entstehung und Fortbestand im fünften Jahrhundert v. Chr. war Poseidon für die Athener von besonderer Relevanz und Bedeutung. Zusammen mit dem Parthenon und dem Aphaia-Tempel auf der Insel Ägina bildet er das Heilige Dreieck der Antike.

Der dorische Poseidon-Tempel, von dem wir heute noch die Säulen sehen, wurde zwischen 444 und 400 v. Chr. zur Zeit des Perikles erbaut, wahrscheinlich von demselben Architekten, der den Tempel des Hephaistos auf der antiken Agora entworfen hat, dessen Name leider verloren gegangen ist. Er hat Besucher auf dem Weg zum Piräus in den letzten 2.500 Jahren willkommen geheißen, als erstes Athener Wahrzeichen bei der Anreise auf dem Seeweg. Vor dem Bau des Tempels wird der Ort als geweihter Grund bei Homer und Herodot erwähnt, und die Siedlungsspuren reichen zurück bis 2800 v. Chr. Aufgrund der strategischen Lage diente er auch als Wachtposten, der die Passage nach Piräus und die reichen Silberminen des Gebiets sicherte.

Der erhabene Bau versetzt bis heute die Menschen in Staunen. Lord Byron zum Beispiel, der berühmte britische Dichter und Philhellene, war so fasziniert von Sounion, dass er im frühen 19. Jahrhundert seinen Namen in einen der Steine des Tempels ritzte. Er war nicht der einzige, der sich dort verewigt hat. Teil dieser Faszination geht von der spektakulären Sicht auf die Ägäis aus. Heute gönne ich mir aber ein ganz besonderes Vergnügen: einen Sonnenuntergang. Also musste ich mich etwas beeilen, wollte ich dieses Naturereignis nicht verpassen.

Vom Parkplatz aus sind es noch einige Schritte bis zum Tempel, der sich schwarz vor der untergehenden Sonne abhebt. Ich bin natürlich nicht der einzige Besucher hier, aber die Zahl hält sich in erträglichen Grenzen. Am Tempel angekommen erlebe ich einen der schönsten Momente, die man dort erleben kann: wenn die Strahlen der untergehenden Sonne die Säulen des Tempels in ein goldenes, geradezu magisches Licht taucht. Und dann wurde es auf einmal ganz still und alle schauten nach Westen, wo der Titan Helios den Sonnenwagen auf die Seite der Nacht lenkt. Der Rest ist Schweigen.

Im Wegfahren werfe ich noch einmal einen Blick zurück. Der Tempel wird vom brennenden Abendhimmel immer noch erhellt. Was ist es, als würde der Tempel aus eigener Kraft leuchten. Doch mit dem ersterben des Tages verglimmt auch der letzte Schein. Gegen den immer dunkler werdenden Himmel zeichnet sich noch eine Fähre auf ihrem Weg nach Piräus ab. Sie hat der Tempel noch begrüßt, wie alle Reisenden zuvor. Seit über 2.500 Jahren.

Quellen: Wikipedia, thisisathens.org.

Ein Gedanke zu “Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Kap Sounion

  1. Und nebenbei war, im durch Erdbeben geplagten Griechenland, Poseidon auch der Erderschütterer.

    Die Walhalla steht freilich noch nicht so lang und über die Auswahl, die Ludwig seinerzeit tätigte, könnte man auch noch mal diskutieren. Ob Wotan hier wohl wohlgesinnt sein wird?

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..