Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Tatoi

Einst die Sommerresidenz der griechischen Königsfamilie, ist das Anwesen Tatoi die letzte Hochburg einer vergangenen Ära, die abgelegen in den bewaldeten Ausläufern des Parnitha-Gebirges ruht. Bald nach meiner ersten Athen-Reise, hörte ich von einem verlassenen Palast und das dazugehörige Anwesen in den umliegenden Hügeln, wo man durch das Gelände laufen und die langsam verfallenden Gebäude frei erkunden kann. Es hieß, dort befänden sich Luxuswagen, die in vermoderten Garagen vor sich hin rosteten, als ob die vorherigen Eigentümer gezwungen worden seien, in aller Eile zu fliehen. Bei meinem zweiten Athen-Besuch machte ich mich auf sie Suche.

35 Kilometer von Athen liegt das Anwesen Tatoi, die Sommerresidenz der ehemaligen griechischen Königsfamilie. Hat man Athen verlassen, fährt man durch eine dünn besiedelte und zum Teil menschenleere Gegend. Die sanften Hügel sind noch von den Waldbränden gezeichnet, die hier im Sommer 2024 gewütet haben. Wie schwarze Finger ragen die verkohlten Baumreste in den Himmel. Doch darunter erobert sich die Natur das Land wieder zurück.

Kein Wegweiser zeigt einem den Weg nach Tatoi. Nach rechts zweigen einige Feldwege ab. Doch welcher ist der richtige? Dann plötzlich ein Polizeiauto am Straßenrand. Ich halte an und frage ob ein Besuch von Tatoi erlaubt ist. Der Polizist bejaht und erklärt mir den kürzesten Weg von der Straße. Tatsächlich finde ich die frühere Auffahrt zum Anwesen. Eine kleine Allee führt direkt zu den früheren Garagen.

Doch für große Entdeckungen komme ich genau ein Jahr zu spät. Die Garagen sind inzwischen instandgesetzt, die Türen verschlossen. Die halb verschrotteten Limousinen sind weg oder zumindest für mich unerreichbar. Ein Nebengebäude ist verfallen aber wegen dem Dickicht, dass es umgibt, nicht zugänglich. Das von Ernst Ziller entworfene Haupthaus hingegen wird gerade renoviert. Wie ich gehört habe mit einer EU-Finanzierung. Vor einem Jahr hätte ich den „Lost Place“ noch frei betreten und erkunden können.

König Georg I. kaufte das Grundstück im Mai 1872 von Skarlatos Soutsos, einem Griechen aus Istanbul, dem Gerichtsoberhaupt und Regierungsminister. Bis zur Abschaffung der Monarchie 1974 war es die offizielle Sommerresidenz der Königsfamilie. König Georg I. ließ ein einfaches Haus errichten. Dies sollte seine Bescheidenheit dokumentieren. Es war von Anfang an überbelegt, sodass das Personal und die Königsfamilie mit wenigen Zimmern auskommen mussten. Als Elisabeth von Österreich-Ungarn, wir kennen sie als Sisi, die Familie besuchte, war sie von den Zuständen schockiert, und reiste schneller ab als geplant.

Der Bau der Hauptresidenz begann 1884. Nach der Ausstattung und der Landschaftsgestaltung zog die royale Familie des Königs Konstantin I. und der Königin Sophia im Jahre 1889 schließlich ein. Im Lauf der Jahre wurden verschiedene Gebäude hinzugefügt, die auch heute noch zu sehen sind, wie eine Garage, eine Weinkellerei, ein Friedhof, Ställe und  ein (nun leeres) Schwimmbecken.

Nach einer Zeit politischer Unruhen ergriff eine Militärjunta im April 1967 die Macht in Griechenland. König Konstantin II. unternahm einen erfolglosen Versuch, die Diktatur zu stürzen, und die königliche Familie wurde im Dezember desselben Jahres außer Landes vertrieben. Seither scheint die Zeit im Tatoi stehengeblieben zu sein.

Es bleibt ein Ausflug in die Vergangenheit und die griechische Geschichte. Und was soll werden aus Tatoi? Angeblich soll schon 2026 dort ein Museum mit über 70.000 Austellungsstücken eröffnet werden, die in der früheren Königsresidenz geborgen wurden. Um ehrlich zu sein: so sah das im Spätherbst 2024 nicht gerade aus. Aber wer weiß?

Quellen: Griechenland Zeitung, Wikipedia, thisisathens.com.

7 Gedanken zu “Peloponnesisches Kaffeetagebuch: Tatoi

  1. Erinnert mich an eine Geschichte von Poe: „Haus Usher“ ist ein Abgesang auf den dekadenten, inzestiösen und moralisch verfallenden Adel: „Ich betrachtete das Bild vor mir – das einsame Gebäude in seiner einförmigen Umgebung, die kahlen Mauern, die toten, wie leere Augenhöhlen starrenden Fenster, die paar Büschel dürrer Binsen, die weißschimmernden Stümpfe abgestorbener Bäume – mit einer Niedergeschlagenheit, die ich mit keinem anderen Gefühl besser vergleichen kann als mit dem trostlosen Erwachen eines Opiumessers aus seinem Rausche, dem bitteren Zurücksinnen in graue Alltagswirklichkeit, wenn der verklärende Schleier unerbittlich zerreißt.“

    Die Fotos sind hervorragend und aus guter Perspektive aufgenommen. Hast du selbst gemacht?

    Gruß, Sven

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      1. Ja, denn ich lese gerade die Geschichten von Poe neu und mit geschärften Sinnen. Da entdeckst du plötzlich Feinheiten, die du bei der früheren Lektüre übersehen hast. Poe analysiert haarscharf und das ein halbes Jahrhundert vor Freud.

        Du hast einen Blick für Perspektive. Ich hab selbst fotografiert mit meiner kleinen Pentax ME und ich seh das sofort, was im Bild sein muss und was nicht. So ein Bildband über Griechenland und die bekannten und weniger bekannten Örtlichkeiten würde ich dir voll zutrauen. Aber leider sind uns Menschen Grenzen durch die Zeit gesetzt. Keiner kann alles machen. Danke!!!

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