Samiotisches Kaffeetagebuch II: Kaffee mit Aussicht – Benetos

Das Ritual ist jeden Tag gleich. Die Schiffshörner der Fähren künden von der baldigen Ankunft. Nicht des Herrn, sondern der Touristen. Die Fähren speien ihre Fracht an Land. Kaum angekommen auf der Insel kapern die Tagesgäste alle verfügbaren Transportmittel – Bus, Taxi, Mietwagen – und machen sich sogleich auf den Weg auf den heiligen Berg. Wer nichts mehr abbekommt, der geht wohl oder über zu Fuß. Einige nehmen den Marsch allerdings freiwillig auf sich.

Erster Halt: Apokalypse. Tatsächlich liegt das Kloster, das um die Höhle herumgebaut worden ist, auf dem Weg zum großen Kloster. Nach diesem Pflichtbesuch schiebt sich die Karawane bis nach Chora, dem Dorf auf dem Gipfel. Hier ist allerdings Schluss mit Autoverkehr. Die letzten Meter zum Kloster müssen von allen zu Fuß absolviert werden. Gesäumt von Souvenirläden und Tavernen ist dieser Weg, deren Besitzer alle vor der gleichen Herausforderung stehen: sie haben nur wenige Stunden ihre Speisen und Waren an die Touristin oder den Touristen zu bringen, denn bald dreht sich die Laufrichtung um, die Menschen strömen wieder dem Hafen zu, stürmen die Schiffe und verschwinden wieder. Erst dann kehrt wieder Ruhe ein auf Patmos.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass die Insel eines der größten Heiligtümer der christlichen Orthodoxie ist. So heilig, dass sich nicht einmal die osmanischen Besatzer, die ganz Griechenland in Besitz nahmen, trauten, Hand an sie zu legen. Heute bedeutet Patmos aber nicht nur eine tausendjährige Tradition, sondern auch eine große, spirituelle Offenheit, wie ich sie selten erlebt habe. So lädt die Klosterkirche nicht nur Gläubige aller christlichen Konfessionen zum Gebet ein, ich sah auch Muslime und Angehöriger anderer Religionen in stiller Andacht versunken. Jeder, der an etwas glaubt, war eingeladen hier eine innere Einkehr zu halten. Jeder auf seine Art.

Und schließlich laden die jahrhundertealten Gassen und Gässchen zu einem Spaziergang durch die Zeit ein. Allerdings nicht zu lange, denn die weißgekalkten Wände strahlen die Mittagshitze ab wie ein Backofen. Wenden wir uns wieder der weltlichen Seite zu: billig sind die Tavernen hier oben in Chora ja nicht gerade. Nur sind sie – im Gegensatz zu mancher überteuerter Gastronomie in Tiergärten, in Skigebieten oder an anderen Touristen-Hotspots in heimischen Landen – qualitativ besser aufgestellt. Soll heißen, man bekommt hier wirklich gutes Essen zu einem etwas höheren Preis als gewöhnt, was aber auch dem oben bereits geschilderten Umstand geschuldet ist, dass der Tagesumsatz innerhalb weniger Stunden erwirtschaftet werden muss. Außerdem muss fast alles auf die Insel eingeführt werden, da hier fast nichts wächst.

Unsere Wahl fiel auf die Taverne „Benetos Chora“, mit einer der aussichtsreichen Terrassen der ganzen Insel. Kaum hatten wir einen Platz gefunden (nicht ganz einfach in der Hightime), schon hatten wir eine Karaffe Wasser vor uns stehen.

Erfrischend nach unserem Spaziergang im Backofen. Ein Kaffee – in meinem Fall ein Frappé – gleicht den dramatisch gesunkenen Koffeinspiegel wieder aus.

Noch ist Karfreitag, also halten wir uns mit Fleisch zurück. Es gibt genügend fleischlose Alternativen. Wie zum Beispiel diese traditionellen mit Spinat gefüllten Teigtaschen und ein klassisches Saganaki.

Der größte Trumpf der Taverna Benetos Chora, den sie gekonnt ausspielt, ist der unvergleichliche Blick über die Insel. Schon der ist den Weg hierher wert. Im Gegensatz zu meinem Erlebnis in einer nahegelegenen Taverne vor zwei Jahren, lässt man uns hier in aller Ruhe konsumieren und lässt uns auch noch Zeit um die Blick zu genießen. Bald müssen wir aber weiter. Wir sind ja auf einer Mission…

Benetos Chora, Patmos, Griechenland; Öffnungszeiten: täglich 09:00 – 23:00 Uhr.

4 Gedanken zu “Samiotisches Kaffeetagebuch II: Kaffee mit Aussicht – Benetos

  1. Wie macht man in kürzester Zeit Umsatz, während der Kunde quasi auf dem Sprung ist? Nicht so einfach. Essen und Trinken mit Ausblick geht immer, und der Ausblick ist wirklich schön.

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