„Ich, euer Bruder Johannes, der wie ihr bedrängt ist, der mit euch an der Königsherrschaft teilhat und mit euch in Jesus standhaft ausharrt, ich war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus. Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune. Sie sprach: Schreib das, was du siehst, in ein Buch und schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.“

Diese Zeilen in den Offenbarungen des Johannes, auch bekannt als Apokalypse, haben der Insel Patmos zu nachhaltigem Ruhm verholfen. Der Evangelist Johannes wurde 96 wegen seiner Predigten vom damaligen Kaiser Domitian nach Patmos verbannt. Johannes, so die Überlieferung, verbringt die Zeit seiner Verbannung in der Grotte der Apokalypse. Nachdem der Kaiser 97 gestorben war kehrt Johannes nach Ephesus zurück, wo er bis ins hohe Alter lebte. Für die orthodoxe Kirche steht fest, dass Johannes, der die Vision der Apokalypse empfangen hat und diese seinem Schüler Prochoros, diktierte, mit dem Autor des Johannes Evangelium identisch ist.

An dieser hochreligiösen Diskussion will ich mich nicht weiter beteiligen. Der Streit schwelt schon seit dem dritten Jahrhundert, als Bischof Dionysios von Alexandria nicht nur die Autorenschafft des Evangelisten und Lieblingsjünger des Herrn bestritt, er war sogar der Meinung, dass diese Schrift nichts mit den Evangelien gemein hätte. Die Diskussion unter Fachleuten dauert bis heute an. Lassen wir sie diskutieren.

Für viele Christen – nicht nur für Anhänger der orthodoxen Kirchen – ist die Höhle der Apokalypse einer der wenigen greifbaren religiösen Orte auf europäischem Boden. Das zieht Pilger aus aller Herren Länder an, die hier ein Stück der zweitausend Jahre alten Kirchentradition nacherleben wollen. Für viele ist Patmos daher ein Ort von ganz besonderer spiritueller Kraft.

Für eher weltlich orientierte Touristen ist es eine Sehenswürdigkeit, die unbedingt abgehakt werden muss. Bezeichnender Weise zieht das Kloster in der Höhe weit mehr Besucher an, als die eher schmucklose Höhle auf halber Strecke. Daher ist es für viele eher ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Kloster – und zu den Cafés, Tavernen und Souvenirshops. Das Kloster rund um die Höhle ist da eher bescheiden.

Vom Parkplatz führen mehrere gepflasterte Wege zu dem kleinen Kloster, dass über und um die Höhle herum gebaut wurde. Fotografieren ist im Kloster erlaubt, nur in der eigentlichen Höhle herrscht ein striktes Verbot, dessen Einhaltung von einem Mönch überwacht wird. Deshalb an dieser Stelle auch kein Bild von mir, sondern eines von Wikipedia. Es gibt im Internet bessere Bilder. Wer sich vom eigentlich Ort ein detaillierteres Bild machen möchte, der möge es googeln.

Im Ort Skala habe ich mir noch einen schicken 125er Roller gemietet. Zum ersten Mal wurde ich bei der Entleihe nach Fahrerfahrung befragt. Als Beleg für die entsprechende Fahrpraxis reichte dem Verleiher allerdings der Vertrag für die 125er, die am Hafen von Pythagório auf meine Rückkehr wartet. Die Vorsicht ist angebracht: die Insel Patmos ist kurvenreich und der Roller ist recht neu. Alles digital. Sehr schick. Und sehr wendig.

Als Teststrecke kommen die Serpentinen von Skala hinauf nach Chora gerade recht. Weit ist es bis zur Höhle, wie eigentlich nichts weit ist auf Patmos. Der Parkplatz ist fast leer. Ich stelle den Roller ab und gehe die letzten Meter zu Fuß. Nach wenigen Schritten taucht das weiße Kloster vor mir auf, dass sich hier an den Hang kauert. Schon hier, auf halber Höhe, ist der Blick zurück nach Skala phantastisch.

Das Kloster selbst ist innen so weiß und schlicht wie von außen. Nur der eigentliche Raum um die Höhle verrät etwas von der orientalisch anmutenden, orthodoxen Pracht. Hier ist der Spalt, aus dem Johannes die Stimme des Herrn vernommen haben will. Für viele Besucher das spirituelle Zentrum der Insel. Der weihevollen Stille hier kann man sich nicht entziehen – ein totaler Kontrast zum lauten und quirligen Leben in der Hafenstadt. Dass man gerade hier göttliche Eingebungen erhalten kann, liegt nahe. Ein ganzes Buch wurde mir aber nicht eingegeben. Vielleicht auch deshalb, weil ich keinen Prochoros dabeihatte, dem ich es hätte diktieren können.
Bild von der Höhle der Apokalypse von Orthodox33 auf Wikipedia mit Freigabe als Public Domain.
Derlei Kultorte liegen nicht nur oft sehr schön, waren oft schon seit Urzeiten eben das, heilig gedachte Orte. Sie jagen mir auch heute noch, ich gestehe das freimütig, einen frommen Schauder durchs Gebein. Gedacht, wer hier alles in Verehrung und Verzückung geriet ergreift mich auch dieses eigentümliche Gefühl. Wobei der Anlaß oder die zugrundeliegende Religion übrigens ziemlich bedeutungslos ist (bis auf den verständlichen Effekt, dass, gelernt und überliefert ist eben gelernt, christliche Symbole hier am Leichtesten ihre Wirkung tun). Ich spüre derlei auch an vermuteten Kultort irgendeiner Vorzeit, in den Trümmern von Minos‘ Palast vulgo Labyrinth auf Kreta oder, sogar besonders stark, an einer verbliebenen heiligen Eiche oder Linde, die einst Göttern geweiht war, spüre das bei einer Moschee oder einem beliebigen Tempel, etwa einem der Wissenschaft. Ich erinnere mich an einen Besuch in der Univerität zu Heidelberg. Also schon etwas älter, das alles, hölzerne Bänke für die Studiosi… wer saß da schon alles, wer sprach alles von da vorn? Welchen Unsinn ritzten gelangweilte Generationen in dieses Holz?
Doch, ich bin für derlei Geister, die immer noch über den Wassern, in den Höhlen und Grotten, um Kirchen und andere Sakralbauten schweben, empfänglich. Also Patmos… da muß ich dann auch noch hin, mal sehen, ob ich den Namen des Tieres verkündet bekomme. Nur eine Nummer ist mir zu wenig!
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Ja, manche Orte bewahren sich auch über Jahrhunderte hinweg ihren Zauber.
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