Verramscht Aldi Süd seinen Kaffee? Mit diesem Vorwurf zog Tchibo gegen den Discounter vor das Düsseldorfer Landgericht. Tchibo warf Aldi „unlauteren Wettbewerb“ vor. Die Dumpingpreise hätten den Markt verzerrt und kleinere Anbieter unter Druck gesetzt. Die Rechnung ist einfach: Der Rohkaffeepreis liegt derzeit bei rund 6,80 Euro pro Kilo, dazu kommen 2,19 Euro Kaffeesteuer – allein die Herstellungskosten dürften also höher liegen als der Verkaufspreis. Außerdem ist der Rohkaffeepreis in den letzten zwölf Monaten um sage und schreibe 65% gestiegen.

Für Aldi scheint die Rechnung dennoch aufzugehen. Während der Kaffeeverbrauch deutschlandweit um fas 4% schrumpfte, konnte der Handelsriese den Absatz seiner Kaffee-Eigenmarken um über 10% steigern. Zwar ist Aldi nicht gezwungen zum üblichen Marktpreis anzukaufen, die Zeche dürften aber die Kaffeebauern in den Anbauländern zahlen. Bei derartigen Preisen sei es nicht möglich, faire Anbaubedingungen und Löhne in den Herkunftsländern sicherzustellen. Tchibo witterte einen Verstoß gegen geltendes Recht. Der Großröster ist der Meinung, dass Aldi Süd seinen Kaffee zu billig anbietet. So könnten andere Marktteilnehmer verdrängt werden. „Das Kulturgut Kaffee darf nicht auf diese Weise verramscht werden“, sagte ein Sprecher des Unternehmens.
Aldi Süd argumentierte, es handle sich um eine rechtlich zulässige Mischkalkulation. Bei einigen Artikeln sind die Margen höher, andere sind gering kalkuliert. Dies dient dem Zweck, mehr Kunden in die Märkte zu locken und die Verkaufsmenge zu erhöhen. Sogenannte Eckpreisartikel wie Kaffee, Milch oder Butter haben eine besondere Zugkraft, weil Kunden bei ihnen besonders auf die Preise achten. Das sei nicht außergewöhnlich, sondern Usus. Ein Verstoß gegen Wettbewerbsrecht läge nicht vor. Zwar sei das nur möglich, da Aldi Süd seine Eigenmarken selbst herstellt oder gegen Lohnkosten herstellen lässt. Aber auch dies sei gängige Praxis.

Dem schlossen sich die Düsseldorfer Richter an. Die Preisgestaltung beruhe auf einer „kaufmännisch vertretbaren Kalkulation“, entschied das Landgericht. Die Strategie hinter der Preisgestaltung verfolgt den „dauerhaften, nachvollziehbaren Zweck der Förderung des eigenen Absatzes im Rahmen einer Mischkalkulation“, so das Gericht in seiner Begründung. Deshalb wiesen die Richter eine Klage auf Unterlassung ab – das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Außerdem setze Aldi Süd seine Preisaktionen nicht so häufig ein, dass eine Gefahr bestünde, die Struktur des Marktes zu beschädigen. Vielmehr seien „Intensität und Häufigkeit der Maßnahmen“ begrenzt, so die Kartellkammer des Gerichts.
Letztlich ist es zwar fragwürdig, wenn Rohkaffee auf dem Weltmarkt teurer ist als das von Aldi verkaufte Produkt, inklusive aller Steuern und Kosten für Transport, Röstung und Verpackung, illegal ist es nicht. Trotzdem ist zu erwarten, dass das letzte Wort zu diesem Thema noch nicht gesprochen ist, denn Tchibo geht davon aus, dass der Discounter hier geschickt eine Gesetzeslücke ausnützt. Die Dumpingpreise seien nur möglich, weil Aldi bei den Eigenmarken die gesamte Wertschöpfungskette kontrolliert und so die Preise nach Belieben gestalten kann. Das könnte im Endergebnis auf das Gleiche hinauslaufen wie der Verkauf von Ware unter den Herstellungskosten – was unzulässig sei.

Wie dem auch sei: Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich auf steigende Kaffeepreise einstellen. Schlechte Ernten und Ausfälle durch den Klimawandel sorgen bereits jetzt schon für einen gestiegenen Rohkaffeepreis auf dem Weltmarkt. Dürren in Brasilien und Überschwemmungen in Vietnam sorgen für eine Verknappung des Rohstoffes. Gestiegene Transportkosten tun ihr Übriges. Über kurz oder lang wird Kaffee zum Luxusgut werden. Zumindest wenn dem Klimawandel kein Einhalt geboten wird. So oder so werden es die Kaffeebauern sein, die am stärksten unter den geänderten Klimabedingungen leiden werden. Faire Preise wären die einzige Möglichkeit eines sozialen Ausgleichs. Doch davon ist Aldi mehr denn je weit entfernt.
Quellen: Legal Tribune Online, Süddeutsche Zeitung, Deutsche Lebensmittelzeitung, Focus, t-online.de, Der Westen. Bildrechte: Titelbild von Sang Hyun Cho auf Pixabay, Bild von John Iglar auf Pixabay, Aldi Süd, Tchibo.
Ich vermute, die Kaffeebauern werden sich mit der Zeit anderen Anbaugütern zuwenden, was den Kaffeepreis zusätzlich unter Druck setzen wird. Die ganze Marktstruktur ist dabei, sich zu verändern. Für meinen Teil sehe ich es nicht als tragisch an, wenn Kaffee keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
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Bei uns gibt es viele Waren, die eigentlich höher eingepreist werden müssten, darunter Kaffee, Fleisch, Milch um nur einige zu nennen.
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Da gab es doch mal diese Idee mit dem Lieferkettengesetz, gegen das irgendwelche Lobbyisten agieren, taktieren, ja, geradezu Sturm laufen…
Und den Dauerbrenner Entbürokratisierung. Am Ende käme es noch zu Kontrollen irgendwelcher wirtschaftlich notwendigen Gewinnmaximierungen zu Ungunsten der Unternehmensführung, und das, bevor es einen landesweiten Skandal gibt – nein, das darf nicht sein!
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Tchibo hat schon vor Jahren zusammen mit einigen wenigen deutschen Unternehmen eine Selbstverpflichtung zur Lieferkette unterschrieben.
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Aldi etwa nicht? Das wundert mich…
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Nein, Fairness in der Lieferkette und Dumpingpreise passen nicht zusammen.
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