Deutschlandticket-Tour: Café Tomaselli, Salzburg

Die Kellner hasten nicht an den Tischen vorbei, sie schweben. Meist sind sie fast unsichtbar und lassen einen den ganzen Nachmittag ungestört mit einem kleinen Braunen und der Zeitung alleine – höchstens ein frisches Glas Wasser wird unerwartet auf dem Tisch abgestellt – sind aber sofort zur Stelle, wenn man die Zeitung ein wenig senkt um den Blick schweifen zu lassen um ihrer ansichtig zu werden. Eine Kuchenmamsell, meist eine  adrette Studentin im kleinen Schwarzen mit weißer Schürze, präsentiert auf ihrem Tablett all die Köstlichkeiten, die man sich nicht zu konsumieren vorher geschworen hatte, gab es doch unlängst ein Gulasch im Wilden Mann – keine Chance. An kaum einen anderen Ort, wird Kaffeehauskultur so gelebt, wie im Café Tomaselli.

Am 31. März 1700 erhielt der aus Frankreich stammende Johann Fontaine die gewerberechtliche Genehmigung zum Ausschank von Schokolade, Tee und Kaffee in der Goldgasse 5: „..daß Ihro Gnaden dem Fontaine die Feilhabung und Verkaufung von Schokolade und Kaffee und dergleichen zu einer Zuebues vor einem andern, jedoch auf wolgfalln und widerruffen gnädigst bewilligt habe.“ Das war die Geburtsstunde des „Cafegewölb Fontaine“, des ersten Kaffeehauses in Salzburg und des ältesten bis heute durchgängig betriebenen Kaffeehauses Österreichs, dass heute besser bekannt ist als Café Tomaselli.

Doch bis dahin wechselten die Besitzer mehrmals. So ist unter anderem ein Cafegewölb Hruby, das Engelhart’sche Cafegewölb und das Café Staiger belegt. Als Staiger 1753 das Café erwarb, bestand das Inventar aus „6 kleine Tischl von hartem Holz, 12 Ledersessel, eine eiserne Hänguhr, 5 blecherne Wandleuchter und 13 Bilder sowie einem kupfernen Kühlkessel.“ Nach seinem Umzug an den heutigen Standort im Jahr 1764, den eine Klausel in der Konzession nötig machte, nämlich „sich ein Lokal zu suchen, das auf einem offenen Platz nahe einer Wache gelegen sei“ wandelte er das Café Staiger nach und nach von einem eher rustikalen Studententreff zu einem vornehmen Etablissement für das gehobene Bürgertum, ganz gemäß der Konzession, nach der er „nur Bekannten und von distinguierter Achtung seienden Leuten den Zutritt zu verstatten“ sollte.

Zu den erlauchten Gästen Staigers gehörten Mozart Vater wie auch Mozart Sohn, wie auch Joseph Haydns Bruder Michael Haydn, der ebenfalls Komponist war und nur wenige Schritte vom Kaffeehaus entfernt zu Füßen der Burg wohnte. Mozart hatte es da von seinem Wohnhaus am anderen Salzachufer schon etwas weiter. Drei Generationen blieb das Café noch im Besitz der Familie Staiger, bis Johanna Staiger das Café 1852 an den „Zuckerbäcker“ Carl Tomaselli verkaufte, den Sohn des Tenors Giuseppe Tomaselli aus Mailand, wiederum enge Bekannte der Familie Mozart und ebenfalls Musiker am Salzburger Hof. Das Café Staiger bestand dann schon aus einem Kaffeezimmer, in dem sich sechs Spiegeln, 20 steinerne Tische befanden ,sowie aus einem Billard- und einem Tabakzimmer, in dem geraucht wurde.

Die Familie Tomaselli machte aus dem Café das, was es heute ist. Carl Tomaselli ergänzte das bestehende Angebot an Kaffee, Tee und Kakao um Speiseeis. 1859 wurde gegenüber dem Café der Tomaselli-Kiosk eröffnet, der zehn Jahre später um einen Gastgarten erweitert und bis heute in den Sommermonaten betrieben wird. 13 Jahre vor seinem Tod übergab Carl Tomaselli das Café im Jahr 1874 seinem 35-jährigen Sohn Carl junior. Unter ihm ging die Männerdomäne im Kaffeehaus zu Ende. 1891 wurde im ersten Stock ein eleganter Damen-Salon eröffnet. Bis dahin war es Frauen unmöglich gewesen, ins Kaffeehaus zu gehen. Carl war es auch, der das Kaffeehaus 1894 modernisieren lies. So bekam das Tomaselli sein heutiges Gesicht – übrigens von Baumeister Jacob Ceconi, der zusammen mit seinem Bruder Valentin das Bazar-Gebäude entworfen hatte. Während Carls älterer Sohn Otto 1906 das Tomaselli erbte, eröffnete der jüngere Sohn Richard dort sein Café Bazar.

Das Café Tomaselli soll bei der Gründung der Salzburger Festspiele 1920 eine zentrale Rolle gespielt haben.  1967 war in der Zeitung „Madame“ zu lesen, dass Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Idee für die Festspiele am Stammtisch im Tomaselli geboren haben sollen – eine Ehre, die auch das Café Bazar für sich beanspruchen könnte, da Hofmannsthal und Reinhard auch dort einen Stammtisch unterhielten. Nach dem Tod Otto Tomasellis führte seine Frau Olga bis zur Enteignung durch das US-Militär im Jahr 1945 das Kaffeehaus weiter. Die Besatzer nutzten die Räume für ein Lazarett und als „Forty Second Street Cafe“. Doch bereits fünf Jahre später erhielt Olga Tomaselli das Café zurück und übergab die Leitung an ihre beiden Kinder Karl Tomaselli und Elisabeth Aigner.

Heute führen Elisabeth Aigners Sohn Christoph Aigner, Karl Tomasellis Sohn Karl-Heinz Tomaselli resp. dessen Sohn Florian Tomaselli die Geschicke des Hauses in der nunmehr sechsten Generation. Aus der Geschichte Salzburgs ist es ebenso wenig wegzudenken, wie aus der Historie der Kaffeehauskultur. Wer das Tomaselli heutigentags betritt, der tritt eine kleine Zeitreise an. Die Einrichtung ist klassisch, gediegen und leicht museal, ohne dass man den Stühlen und Tischen ihr Alter ansieht. Die Kellner sind diskret aber flink, die Kuchenmamsel bringt die Tortenstücke an den Tisch. So wie es immer war – und hoffentlich noch ganz lange bleiben wird!

Ich musste übrigens das erste Mal anstehen. Doch das ging tatsächlich schneller als befürchtet. Eine hochgewachsene Blonde mit Modell-Figur und im kleinen Schwarzen mit weißer Schürze platzierte ebenso energisch wie effizient. So kam ich innerhalb weniger Minuten zu meinem Platz. Meine Wahl fiel auf eine Melange und ein Stück Tomaselli-Torte, eine Walnusstorte im zarten Schokoladenmantel und die Spezialität des Hauses – eine gute Wahl. Von hier aus werde ich strammen Schrittes durch die scheidende Sonne zum Bahnhof gehen und die Heimreise antreten. Doch vorher genieße ich diesen Moment in einem echten Weltkulturerbe! Das Café Tomaselli ist das älteste durchgehend betriebene Kaffeehaus Österreichs. Und – wie man sieht – einen Besuch wert.

Café Tomaselli, Alter Markt 9, Salzburg, Österreich; Öffnungszeiten: täglich 07:00 – 19:00 Uhr.

8 Gedanken zu “Deutschlandticket-Tour: Café Tomaselli, Salzburg

  1. Wann de Dortn a no schmeckan… Ja doch, ältestes – wenn auch nicht mehr am selben Platz – Cafehaus Salzburgs, das will schon was heißen. Und der Mozart, zur Not machte er auf dem Heimweg ein paarmal Butzigagalen resp. Purzelbäum,‘ hatte seine Torten auch gleich verdaut. Sein geliebtes Schwesterchen konnte er freilich nicht dorthin ausführen. Ob M. Haydn figürlich auf Dauer da mithalten konnte, weiß ich nicht, dazu ist mir seine Biografie nicht vertraut genug.

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