Kretisches Kaffeetagebuch: die Festung Spinalonga

Mit dem Fährboot erreichen wir den kleinen Anleger. Erst hinter dem Kassenhäuschen betreten wir den eigentlichen Teil der Festung. Wir betreten die Festung durch das imposante Eingangsportal und gelangen durch einen Tunnel ins Innere. Seit 1997 finden auf dem Gelände umfangreiche Restaurierungsarbeiten statt, so dass bereits ein Teil der alten Wohnhäuser modernisiert wurde. In einigen Räumen sind zeitgenössische Exponate aus der damaligen Zeit und Informationstafeln ausgestellt.

Ein echter Hingucker ist der kompakte Marktplatz, den man gleich nach dem Eingang überquert. Er wurde von den muslimischen Familien, die im 18. und 19. Jahrhundert auf Spinalonga lebten, angelegt und galt als kleines Handelszentrum der Insel. Eine schmale Gasse führt weiter nach Norden, ein Teil der Häuser wurde mit bunten Türen und Fensterläden versehen. Hier und da sind Hauseingänge geöffnet, Fotoausstellungen und Informationstafeln geben Einblicke in das damalige Leben, sowohl während der osmanischen Besatzung als auch in der Zeit als Leprakolonie. In anderen Räumen sind wie in einem Freilichtmuseum Haushaltsgegenstände, Werkzeuge und medizinische Produkte dieser Zeit in Vitrinen ausgestellt.

Mussten viele der Erkrankten vorher als Ausgestoßene fernab von den Siedlungen leben, so erhielten sie hier eine Behandlung und ein Dach über dem Kopf unter Gleichgesinnten. Täglich wurden Medikamente, die Post und Lebensmittel von Kreta auf die Insel gebracht und trotz Krankheit erschufen sich die Insulaner ein normales Leben in einem Dorf mit Infrastruktur. Zusammen renovierten sie Häuser, die heruntergekommen waren, erbauten Kirchen, hielten Nutztiere und bauten Obst und Gemüse in ihren Gärten an. Neben Privathäusern gab es nach kurzer Zeit sogar kleine Geschäfte und eine Bäckerei.

Die Bewohner arbeiteten, gründeten sogar Familien und heirateten auf der Insel. Nach der Errichtung einer Desinfektionsröhre am Hafen und Haupteingang des Eilands in den 30er Jahren, durften es Besucher betreten. Der Durchbruch folgte erst deutlich später: 1953 wurden die ersten wirksamen Medikamente gegen Lepra entwickelt und eingesetzt und so kehrten tatsächlich sogar noch einige gesund von der Insel zurück. Um der Langeweile zu entgehen ritzten die Bewohner hier Spielbretter in den blanken Stein. So konnten sie sich die Zeit ein wenig vertreiben. Ein besonders gut erhaltenes Exemplar befindet sich direkt am Weg hinauf zur Zitadelle, ein Felsen mit einem Mühle-Spielbrett.

Auch wenn der Weg hinauf etwas unübersichtlich ist und teilweise über Stock und Stein führt, lohnt sich der Aufstieg zum ehemaligen Kastell allein schon wegen des grandiosen Panoramas. Aber Vorsicht, die Zitadelle wurde direkt auf den Felsen gebaut, ist kaum gesichert und es geht recht steil nach unten. Leider ist ein Großteil der unmittelbaren Gebäude stark zerstört. Weiter geht es nach Süden zur mächtigen Südbastion, die noch sehr gut erhalten ist. Von hier aus genießen wir einen herrlichen Blick über die Bucht von Elounda.

Da wir uns keiner Führung angeschlossen haben, können wir uns bei der Besichtigung viel Zeit lassen. Zurück am Fähranleger nutzen wir die Wartezeit bis uns das nächste Boot zurück nach Plaka bringt, mit einem griechischen Kaffee und – um den Flüssigkeitshaushalt wieder etwas auszugleichen – eine sündhaft teuren aber wenigsten frisch gepressten Orangensaft. Dabei genießen wir den Luxus des tollen Ausblicks auf die Nachbarinsel. Trotzdem sind wir froh, als wir die Insel wieder verlassen dürfen, denn etwas unheimlich ist es hier schon.

Tipps für Spinalonga-Besucher: Wenn ihr keine geführte Tour macht, könnt ihr die Insel komplett frei abseits der Hauptwege auf eigene Faust erkunden und dank der vielen Infotafeln (Griechisch und Englisch) trotzdem einiges zur Geschichte erfahren. Zieht bei eurem Besuch auf jeden Fall feste Schuhe an. An manchen – ungesicherten! – Stellen sollte man auch ein wenig klettern können. Den besten Ausblick über die Insel, die umliegenden Küsten und das türkisblaue Meer könnt ihr nämlich von den höheren Punkten von Spinalonga erhaschen. Der Weg auf bis zu 53 Meter über dem Meeresspiegel führt über kaum befestigte Wege, passt also auf, dass ihr nicht ausrutscht oder umknickt.

Spinalonga kann vom 1. April bis zum 31. Oktober täglich von 8:30 bis 18 Uhr besichtigt werden – letzter Einlass 17:30 Uhr, allerdings sollte man für einen Inselbesuch mindestens anderthalb Stunden einplanen. Außerhalb der Saison ist die Festung Spinalonga trotz ihrer historischen Bedeutung für Kreta geschlossen. Ein Besuch der Insel ist nicht ganz billig, doch kommt man an einigen Tagen umsonst rein: 18. April (Internationaler Tag des Denkmals), 18. Mai (Internationaler Museumstag), während des letzten Septemberwochenendes (Europäischer Tage des Kulturerbes) und am 28. Oktober (Nationaler Feiertag – Ochi-Tag). Als wir Plaka erreichen und ohne ohne ein Desinfektionsbad nehmen zu müssen das Boot verlassen dürfen, haben wir Hunger und gehen Essen. Kostas hat uns dafür ein ganz besonderes Restaurant ausgesucht. Doch davon morgen mehr.

Quellen: Wikipedia, greece-moments.com, cretanbeaches.com, urlaubsguru.de.

8 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: die Festung Spinalonga

  1. Na, das scheint mir eine Insel für Wanderschuhe mit Profil zu sein, nicht für Sneaker 😉 Interessant zu erfahren, wie sich eine ganze Infrastruktur auf der Insel gebildet hat. Meine (Horror)vorstellung war, dass die ausgesetzten Menschen traurig umherirrten, bis sie irgendwann verstarben. Aber auch ein Kranker braucht einen Bäcker, braucht Unterhaltung, Zerstreuung, braucht die Gemeinschaft. Insofern eigentlich logisch, dass auf dieser Insel eine „Welt außerhalb der Welt“ entstand.

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