Kretisches Kaffeetagebuch: auf der Leprainsel

Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke. (…) Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Diese Worte aus Dantes Göttlicher Komödie fallen einem unwillkürlich ein, wenn man durch das Tor zur Leprakolonie tritt. Für die meisten Menschen war das ein Eingang ohne Wiederkehr. Ausgestoßen, verdammt hier zu leben und zu sterben. Zwischen 1903 und 1957 wurden mehr als 400 Leprakranke aus ganz Griechenland auf die Insel Spinalonga verbannt. 1962 verlies der letzte Bewohner – ein Priester – die Insel, die als eine der letzten Leprastationen Europas diente. Doch der Reihe nach.

Weniger schaurig geht es los. Mit dem Auto fahren wir die fünfzehn Kilometer von Agios Nikolaos Richtung Norden nach Plaka, dem Hafen der Insel Spinalonga. Wer früh genug da ist findet hier noch leicht einen Parkplatz. Für 12 € geht es dann mit einem der zahlreichen Fährboten hinüber zur Insel, auf der dann noch einmal ein Eintritt von 8 € – übrigens dort auch der Preis für ein Bier! – zu entrichten ist. Vom Anleger geht es dann mit leichten Gruseln durch besagtes Tor. Hinter wem es sich schloss, dem wurde die Insel zum Schicksal!

Das war nicht immer so. Ihr ursprünglicher Name war Calydon, aber die Venezianer nannten ihn Spinalonga von dem venezianischen Wort Spina-Longa, was langer Dorn bedeutet. Nach einer zweiten schwächeren Interpretation, leitet Spinalonga ihren Namen durch Paraphrasierung von „Stin Elounda“, „In Elounda“ bedeutet. Eine andere Version sagt, dass die Insel ihren Namen von einer schönen Frau namens Longa, die in der Festung lebte, bekam.

Calydon mit seinem Landhafen Elounda war schon in der Antike besiedelt. Erste Siedlungsfunde wurden auf die Zeit 3000 vor Christus datiert. Die antike Vorläufersiedlung Elounda hieß Olous und war eine bedeutende Hafenstadt Kretas. Olous wurde bereits im ersten Jahrtausend vor Christus als Hafenort der einflussreichen, dorischen Bergstadt Dreros gegründet. Die Siedlung verlor allerdings an Bedeutung, als sich im 4. Jahrhundert nach Christus der Osten Kretas senkte und der Westen hob. Dadurch versank Olous und die vorgelagerte Halbinsel war fast vollständig vom Festland abgeschnitten. Die Ruinen der antiken Stadt liegen heute unter dem Meeresspiegel.

Die Bedrohung durch Piraten und Araber zwangen die Bewohner von Calydon und Olous Insel und Hafen zu verlassen. Um den Hafen von Spinalonga zu schützen, errichteten die Venezianer ab dem späten 16. Jahrhundert eine mächtige Festung. Ihre massiven Mauern ragen noch heute aus den Felsen empor, gegen die das Wasser des Ägäischen Meeres mal seicht, mal mit gewaltiger Wucht prallt. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Burg den Osmanen überlassen und so zählte Spinalonga Ende des 19. Jahrhunderts über 1.100 muslimische Einwohner. Als Kreta allerdings seine Unabhängigkeit erklärte und eine Leprakolonie auf Spinalonga errichtet wurde, mussten die Bewohner 1903 die Insel verlassen.

Der Kretische Staat beschloss eine Zwangsunterbringung aller Leprakranken Kretas auf Spinalonga. Die ersten 251 Leprakranken kamen am 13. Oktober 1904 auf die Insel. Nach der Vereinigung Kretas mit Griechenland 1913 folgten weitere aus allen Teilen des Landes. Die Leprakranken lebten zunächst unter schwierigsten Bedingungen auf der Insel und bewohnten die alten Häuser der muslimischen Siedlung. Erst in den 1930er Jahren verbesserte sich die Lage aufgrund verschiedener Initiativen. 1935 lebten etwa 300 Patienten auf Spinalonga. Pro Woche verstarb ungefähr ein Patient und ein neuer Patient erreichte die Insel. Versorgt wurde die Insel von Plaka aus – für die Bewohner dort ein gutes Geschäft.

Ab 1948 führte die Anwendung neuer Medikamente auf Spinalonga zu erhöhten Heilungsraten. Ab diesem Zeitpunkt durften geheilte Patienten die Insel verlassen. Bis 1957 war Spinalonga Leprastation und damit eine der letzten Leprakolonien Europas. Der letzte Einwohner verließ die Insel 1962. Nach der Schließung der Leprakolonie blieb Spinalonga unbewohnt. Die Festung und viele der Gebäude wurden durch Plünderungen beschädigt. 1963 wurde die Insel der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr unterstellt. In den 1970er Jahren wurde mit der touristischen Erschließung begonnen und der Insel der Status „Archäologische Stätte“ zuerkannt. Die in der Zeit der Leprakolonie errichteten Gebäude wurden zum größten Teil wieder abgerissen und erste Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt.

Was es heute auf der Festungsinsel zu sehen gibt, das erzähle ich Euch morgen.

Quellen: Wikipedia, greece-moments.com, cretanbeaches.com, urlaubsguru.de, zitate7.de.

11 Gedanken zu “Kretisches Kaffeetagebuch: auf der Leprainsel

  1. Hallöchen, das sich Kreta auf der einen Seite gehoben und die andere Seite versunken ist, hatte man uns damals bei Besuch verschwiegen (oder wusste es selbst nicht). Finde ich aber sehr interessant, danke!

    Gefällt 2 Personen

  2. Wie eine Krankheit das Schicksal besiegelte und zu sozialer Ausstoßung führte. Ich weiß nicht, ob wir diese Zeiten überwunden haben, so richtig, meine ich. Krankheit und Behinderungen führen auch heute zu oft zu Ausgrenzung. Nur das Bewusstsein dafür ist ein anderes, glücklicherweise. Die Menschen sind sensibler.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Kasia Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..