Kretisches Kaffeetagebuch: Land der tausend Windmühlen

Nach dem Besuch bei der Göttin machen wir uns auf dem Weg zu einer weiteren Gottheit: Zeus. Der scheint es uns übel zu nehmen, dass wir unsere Aufwartung zuerst bei Eileityia gemacht haben und nicht bei ihm. Nun, Zeus ist ja auch der Gott des Wetters und drückte seinen Groll dadurch aus, dass er uns drohende Wolken schickte. Entlang der „Old National Road“ schien noch die Sonne, doch je näher wir dem Dikti-Gebirge kamen, desto finsterer wurde der Himmel.

Kurz vor Malia windet sich dann die Straße in aberwitzigen Kurven die Berge hinauf. Durch Mohos und an Krasi vorbei kommen wir immer höher. Die Vegetation wird spärlicher, die Hänge kahler. Die Sonne lässt sich nur noch sporadisch blicken. Es wird kälter und ein steifer Wind rüttelt an unserem Wagen. Nach einer Reihe von ausnehmen engen Spitzkehren erreichen wir auf einer Höhe von 900 Metern über dem Meer den Pass von Ambelos. Hier am Seli Ambelou bläst der Nordwind Meltemi sehr stark, pfeift uns um die Ohren und jagt dann über die Kanten, Grate und Gipfel hinweg und Wolken zerschellen an den Felsen und Scharten.

Ein idealer Ort für Windmühlen! Das dachten sich schon die Venezianer und errichteten hier 24 Windmühlen zum Mahlen von Getreide, die bis zum Zweiten Weltkrieg in Betrieb waren. Zwei der inzwischen verfallenen Mühlen wurden restauriert. Sie verfügten im oberen Stockwerk über Wohnräume. Trotzig ragen die Mühlen über den Pass und stellen sich dem Wind entgegen. Wie steinerne Wächter behüten sie den Zugang zur Lassithi-Hochebene. Einige sind verfallen, manche wieder hergerichtet, gemauerte Zeugen eines Teils der kretischen Geschichte.

Die beginnt hier schon lange vor dem Eintreffen der Venezianer. Der Jüngling Zeus wandelte hier als einfacher Hirte in der fruchtbaren Ebene, bevor er sich aufmachte seinen Vater zu töten und sich zum höchsten aller olympischen Götter emporzuschwingen. Doch davon später mehr. Die Berge ragen hier bis über 2.000 Meter in den Himmel und legen sich wie schützende Hände um die Hochebene auf etwa 800 Metern. Bei der alten minoischen Siedlung Karfi befand sich ein Gipfelheiligtum.

Die Spuren der Besiedlung der Lassithi-Ebene reichen bis in neolithische und minoische Zeit zurück. Das Plateau ist seit etwa 600 v. Chr. besiedelt und zieht Siedler mit fruchtbarem Boden und nur gelegentlich rauem Klima an. Der hohe Grundwasserspiegel, der den Boden so fruchtbar macht, gestaltet die Bewirtschaftung des Landes aufgrund der Wassersättigung jedoch auch etwas schwierig. Im Winter überschwemmte der Regen die Felder und zerstörte die Ernte. Um dem entgegenzuwirken, wurden Entwässerungsgräben gegraben, die einen Teil des Problems lösten. Zu Beginn der dorischen Invasion zogen sich Minoer, die sogenannten Eteokreter – die „echten“ Kreter – in die oben erwähnte Siedlung am Berg Karfi zurück.  

Später wurde die fruchtbare Ebene zur Keimzelle des Widerstandes: Zur Zeit der Venezianer, in der 14 große Aufstände das Land erschütterten, wurde die Lassithi-Hochebene im Jahr 1263 zum Sperrgebiet erklärt. Das bedeutete, dass niemand hier wohnen oder gar Felder bewirtschaften durfte. Erst 1463, als dringend neue Getreideanbaugebiete benötigt wurden, ließen die Venezianer die Hochebene mit einem schachbrettartigen Kanalisationssystem entwässern und verpachteten das Land an Kreter. Aus dieser Zeit stammen auch die Windmühlen.

In der türkischen Besatzungszeit organisierte sich in der abgelegenen Hochebene mehrfach der Widerstand, bis nach dem großen Aufstand von 1866 der osmanische Heerführer Omar Pascha mit fast 40.000 Mann die Dörfer niederbrannte. Nach der Wiederbesiedelung entstand hier nach den 1950er Jahren der erste, größte und schönste Windpark der Welt mit etwa 13.000 Windmühlen, von denen noch etwa 5.000 sichtbar sind. Aus dieser Zeit stammt auch der Name „Land der tausend Windmühlen“. Heute kann man diese alten Windmühlen nur noch ausnahmsweise bei der Arbeit sehen, da sie zum Großteil durch Motorpumpen ersetzt wurden.

Wir halten nur kurz am Pass von Ambelos und machen uns dann auf den Weg in die lauschige, von der Sonne beschienenen und windgeschützten Ebene. Wir wollen so schnell wie möglich zur Geburtshöhle des Zeus. Vielleicht können wir ihn damit besänftigen…

Quellen: Wikipedia, Radio Kreta, Alltrails, cretanbeaches.com, incrediblecrete.gr, kalimera-griechenland.eu, atlasobscura.com.

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