Best of 9-Ruro-Ticket-Tours: im Blauen Land

Diese Reise führt mich in das Reich eines Drachen. Der jedenfalls soll im Staffelsee gehaust und sich gerne von Kälbern, Schafen und leckeren Jungfrauen ernährt haben, bis ihn ein Schusterjunge überlistete, der ihm statt eines Tieres ein mit Löschkalk gefülltes Kalbsfell unterjubelte. Als der Drache seine Mahlzeit mit einem kühlen Trunk aus dem See herunterspülte, kam es folgerichtig zum finalen Bäuerchen des lindgrünen Echsentiers. Und der Schuster wurde vom Kaiser zum Grafen von Murnau erhoben und bekam eine Maid nach Wahl und eine Burg noch dazu.

Die Gegend um Murnau wurde bereits in vorchristlicher Zeit besiedelt. Ab der Regierungszeit von Septimius Severus gab es im Verlauf der Via Raetia eine Römerstraße über den Brennerpass und Seefelder Sattel durch das obere Isar- und Loisachtal nach Augsburg, die als Reichs- und Handelsstraße Via Imperii bis ins 19. Jahrhundert Bestand hatte. Der Markt entstand ab dem 12. Jahrhundert um die Burg Murnau, deren älteste Teile auf den Winter 1232/33 datieren – dem vermutlichen Todesjahr des Lindwurms.

Anfang des 20sten Jahrhunderts ließen sich Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Murnau nieder. Zusammen mit Franz Marc, August Macke und anderen bildete sich die Künstlervereinigung des Blauen Reiters. Praktisch, dass das Haus der Malerin Gabriele Münter praktisch am Weg ins Blaue Land liegt, den ich am Murnauer Bahnhof gestartet habe. Bei den Murnauern wurde das Haus aufgrund Kandinskys russischer Herkunft auch „Russenhaus“ genannt.

Weiter geht es über die Malerische Kottmüller-Allee. Die Eichenallee wurde zwischen 1870 und 1880 von Emeran Kottmüller, einem Gründungsmitglied des Murnauer Verschönerungsvereins, angelegt. Das Motto damals „Sommerfrische“. So sollten Touristen nach Murnau gelockt werden, die über die neugebaute Eisenbahn anreisen konnten.

Über die schattige Allee komme ich zum Ähndl. Die Gaststätte liegt am Rand des Naturschutzgebietes Murnauer Moos und direkt neben dem historischen Ramsachkircherl. Den kleinen Weiler könnte ich zügig erreichen, müsste ich nicht ständig anhalten, um die Aussicht über das Murnauer Moos zu genießen – ohne Frage einer der schönsten Landstriche Bayerns, ach was sage ich?, der Welt!

Die Kapelle ist ab dem 14. Jahrhundert nachweisbar, im Kern spätgotisch und weist heute eine barocke Fassung nach größeren Umbauten im 15. und 17. Jahrhundert auf. Man erzählt sich, dass ein iro-schottischer Wandermönch hier im 3. Jahrhundert eine Klause auf einem Keltenheiligtum errichtet haben soll und der Altarstein und drei der Stufen aus dieser Zeit stammen sollen. Belegt allerdings ist, dass Wandermönche um diese Zeit herum begannen Bayern zu christianisieren.

Zwei Abstecher erlaube ich mir noch auf dem Weg zurück nach Murnau und zum hochverdienten Kaffee. Der erste geht zum Drachenstich. Die wildromantische Schlucht mit dem kleinen Wasserfall diente als Kulisse für Aufführungen der Murnauer Verschönerungsvereins um die Jahrhundertwende. Eines der aufgeführten Volksstücke trug den Titel Drachenspektakel.

Nicht weniger spannend ist der Abstieg zur Lourdes-Grotte. Bereits auf dem Hinweg hatte mich ein Wegweiser dorthin neugierig gemacht. Nach den Marienerscheinungen im Jahre 1858 im französischen Lourdes wurden Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts in Europa Mariengrotten errichtet. Eine davon liegt hier in einem verwunschen aussehenden engen Tal. Dort entspringt eine Quelle in einer kleinen Höhle, die 1893 aufwendig als Lourdes-Grotte ausgebaut wurde. Man kann von der katholischen Kirche und ihren Riten denken was man will, ganz kann man sich dem Zauber dieses Ortes nicht entziehen.

Jetzt aber Kaffee! In dem damals frisch eröffneten Ladencafé der Murnauer Kaffeerösterei wurde ich fündig. Aus dem Dorfcafé mit Kaffeehausflair ist ein modernes Röstereicafé mit viel Raum für Kaffee, Kurse und Konsum geworden. Gewohnt lecker mal wieder der Espresso. Den Kuchenhunger habe ich mir allerdings für später aufgehoben. Es wird gleich klar warum.

Doch vorher werfe ich einen Blick in die Altstadt von Murnau am Staffelsee. Die Altstadt erstreckt sich rechts und links einer Nord-Süd-Magistrale, der nördliche Obermarkt und der südliche Untermarkt. Entlang dieser zum Süden hin abschüssigen Straße finden sich zahlreiche Geschäfte, Cafés und Restaurants. Hier wird man als Kaffee-und-Kuchen-Fan allenthalben fündig. Außerdem hat man von hier einen fabelhaften Blick auf die nahen Alpen, genauer gesagt auf die Kreuzwand, die sich deutlich hinter der Stadt und Murnauer Moos erhebt.

Mich jedenfalls zieht zur Barbara Krönner Konditorei & Kaffeehaus. Die Lage ist phantastisch: direkt am Obermarkt in Murnau in Sichtweite zur Mariensäule. Schnell war ein Kuchen ausgewählt: ein Käsekuchen passend zum Blauen Land mit frischen Blaubeeren – ein Volltreffer. Die Familie betreibt übrigens noch drei weitere Filialen: das Stammhaus in Weilheim, seit 1869 in Familienbesitz, eine Schokoladen­­manufaktur in Oberammergau und eine weitere in Murnau. Aus Kaloriengründen habe ich aber hier nur das Kaffeehaus besucht.

Hier am Obermarkt lasse ich meine kleine Tour ins Blaue Land auch gemütlich ausklingen. Könnte man eigentlich mal wieder hin. Bei warmen Wetter und dann mit dem 49-Euro-Ticket.

7 Gedanken zu “Best of 9-Ruro-Ticket-Tours: im Blauen Land

  1. Wunderschöner Bericht, der mich an meine eigene Tour auf dem Drachenstichrundweg im Frühjahr 2021 erinnert. Damals im Lockdown konnte ich nicht Kaffeetrinken gehen.Das habe ich mehrmals nachgeholt, zuletzt nach meinem Rundweg durch das Murnauer Moos (sehr zu empfehlen, s. Post ) durch einen Besuch der Murnauer Kaffeerösterei ( sehr leckerer Kaffee,).

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