Toms Kaffee-Moment: überraschende Einladung

Es ist Sonntag Morgen. Die erste Fahrt führt vom Westend nach Neuhausen. Unvermittelt beginnt mein Fahrgast zu schimpfen: die deutsche Polizei würde auf Kinder und alte Menschen einprügeln, es gäbe in Russland mehr Meinungsfreiheit als hier und hier dürfte man nicht einmal mehr spazieren gehen. Ich versuche das zu ignorieren, bis er mich nach meiner Meinung fragt. Ich entgegne, dass es unverantwortlich von den Eltern ist ihre Kinder in die erste Reihe bei Demonstrationen zu schicken, dass man hier – im Gegensatz zu Russland – ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, sagen darf, was man denkt, dass es sich bei den Spaziergängen um unangemeldete Demonstrationen handelt, die man deshalb nicht anmeldet, um keine Auflagen erfüllen zu müssen und dass der Staat dem illegalen Treiben schon viel zu lange zuschaut.

Mittlerweile kommen wir an der Aral-Tankstelle vorbei und mein Fahrgast bittet mich kurz anzuhalten. Er will noch etwas besorgen. Und dann fragt er mich, ob er mir einen Kaffee mitbringen kann. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Es zeigt aber, dass Meinungsfreiheit funktioniert – wenn man will und wenn man seine Ansichten ohne persönliche Beleidigungen formuliert. Der Rest der Fahrt verlief übrigens ebenfalls sehr friedlich. Und Trinkgeld gab es zum Kaffee sogar noch dazu. Ein schöner Start in den Sonntag…

18 Gedanken zu “Toms Kaffee-Moment: überraschende Einladung

  1. Bravo, lieber Tom. Und, ja – die Kaffeeeinladung kam auch beim Lesen überraschend. Aber besser so, als irgendwie sonst. 😊☕😺

    VVN

    P.S.: „Kaffeeeinladung“. Sieht so auf dem Papier irgendwie lustig aus. 😅

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  2. Vielen Dank dafür, dass Du diese besondere Geschichte mit uns teilst. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Dein Fahrgast sich so zivilisiert und demokratisch verhält. Du hast aber auch Mut bewiesen, es hätte anders ausgehen können.

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    1. Ich fahre seit 20 Jahren Taxi. Ich höre mir nicht mehr jeden Sch… unkommentiert an! Allerdings wahre ich immer die Form. Ich habe mal einem Fahrgast angedroht die Fahrt abzubrechen, wenn er nicht mit seinen volksverhetzenden Reden aufhört. Der war so überrascht davon, dass ihm mal jemand widerspricht, dass wir uns den Rest der Fahrt auf einem anderen Niveau unterhalten konnten. Aber Du hast Recht: irgendwann geht das mal daneben…

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