Von Perivoli sind es nur wenige Kilometer bis Lefkimi. Für diesmal lasse ich den Ort aber links liegen. Sein Moment kommt noch. Über die Umgehung komme ich rasch zu einer großen Kreuzung. Nach links geht es zurück nach Lefkimi, geradeaus zum Hafen und rechts nach Kavos, das etwa vier Kilometer entfernt ist. Wer wissen möchte, wie Kavos aussieht, der braucht nur zwei Tage zurück zu gehen und sich das Bild von Rani’s Dream Food ansehen. Jetzt stelle Dir einen ganzen Ort vor, der so aussieht. En voila: Kavos!

Am Ende des Ortes weist ein Schild den Weg zum Kloster „of the Blessed Virgin Mary“! Den Rest des Weges findet man am besten nach der „Verfahr-Dich-und-frag-nach-dem-Weg-Methode“. Allerdings nimmt die Straße rasch an Qualität ab. Weshalb ich an einer Art Wohnwagen-Kiosk mit kleinem Biergarten den Roller stehenlasse. Ich habe heute schon einen umgetauscht. Den alten, weißhaarigen Kioskbesitzer frage ich nach dem Weg und wie lange es wohl dauert und mache mich auf etwa 30 Minuten Aufstieg gefasst.

Der Weg ist wirklich teilweise recht steil und steinig. Obwohl die Strecke sich zwischendurch auch wieder ganz gut hätte mit dem Roller fahren lassen, bereue ich meine Entscheidung zu Fuß weiter zu gehen nicht. Schließlich erreiche ich eine Kuppe mit Blick auf eine Klippe. Genau hier ist das Kap Asprokavos, die Südspitze der Insel Korfu! Ich mache also im Geiste einen Haken hinter die Aufgabe, die Insel bis zum Südende zu durchfahren. Doch es geht noch weiter…

Belohnt werde ich für meine Mühen mit einer fantastischen Aussicht. Das Gebiet trägt den Namen Arkoudilas, was so viel bedeutet wie, Bärenland. Wilde Bären lebten hier aller Wahrscheinlichkeit nach nie. Der Name soll von einer ausgestorbenen Baumart herrühren, dem Bärenbaum, der in alten Urkunden und Verträgen erwähnt wird. Heute dominieren hier Zypressen und Olivenbäume. Früher einmal soll das Waldgebiet besiedelt gewesen sein.

Arkoudilas gehörte einer Urkunde nach der, vermutlich venezianischen, Familie Quartano, die auch im legendären „Libro d’oro“, einer Art historischem Adelsregister, aufgeführt werden. Das Gebiet wurde der Familie von der venezianischen Verwaltung als Timario zugeteilt. So nannte man ein Stück Land, das Adligen zugesprochen wurde im Gegenzug dafür, dass sie die Küste vor den damals häufigen Piratenüberfällen schützten. Um 1700 kam zu den heute völlig verschwundenen Wirtschafts- und Herrschaftsgebäuden auch das Kloster Panagia von Arkoudilas. Die Mönche stellten Olivenöl und Wein her, gängige und begehrte Handelsgüter zu jener Zeit.

Von den Wirtschaftsgebäuden und Verteidigungsanlagen stehen heute nur noch die Ruinen des Klosters. Ein geheimnisvoller Ort mit Lagern für Öl und Wein, Steinbrunnen, Geheimgängen und Fluchttreppen, die zum Strand hinunter führen, um Piratenangriffen zu entgehen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sollen hier noch Mönche gelebt haben, auch wenn Arkoudilas als Außenposten gegen die Piratenüberfälle längst an Bedeutung verloren hatte.

Vom Kap an wird der Weg endlich etwas weniger Steil. Dann, endlich, sieht man am Ende des Weges das Kloster durch die Bäume spitzen. Ich klettere durch die Ruinen des Klosters. Noch vor 100 Jahren sollen die Gebäude in gutem Zustand gewesen sein, bis sie mehrfach ausgeplündert wurden, was die Kirche vergeblich zu verhindern suchte. Ob die Mönche damals allerdings einen Blick für die fantastische Aussicht auf das Meer und die Nachbarinsel Paxos hatten, ist hingegen nicht überliefert. Vom Kloster führt ein Trampelpfad zu einem der ruhigsten Strände der Insel. Vielleicht ein andermal.

Am Kloster treffe ich erst ein junges, deutsches Pärchen. Der junge Mann kraxelt mutig auf der Ruine rum, bekundet aber, dass sich von oben keine besonderen Fotomotive bieten. Ich finde es gut, wenn andere ihre Knochen riskieren! Hinter dem eigentlichen Klostereingang ist noch der Rest eines kleinen Tonnengewölbes, vielleicht eine Kapelle oder ein Lagerraum, mit einem improvisierten Altar. Vom Kloster stehen noch die Grundmauern und der Glockenturm. Der Altarraum ist eingestürzt und nur unter Gefahr zugänglich. Ich lasse es bleiben.

Als ich schon am Gehen bin treffe ich Dave. Er hatte sich mit seinem Quad nach oben gekämpft. Wir unterhalten uns kurz, dann erkundet er die Ruine, während ich mich schon auf den Rückweg mache. Auf dem überholt mich Dave erst, dann kommt er zurück und bietet an mich mitzunehmen. Das Angebot nehme ich gerne an. Und so bekomme ich einen Lift zurück zu meinem Roller. Dort angekommen will ich Dave auf einen Kaffee einladen und selbst dabei meinen Wasserhaushalt ausgleichen.

Dave nimmt ein Glas Wein. Wein, der vom Kioskbesitzer selbst angebaut wurde. Ich bleibe lieber beim Wasser. Dave kommt aus England und arbeitet als Zimmermann. Wir quatschen gut eine dreiviertel Stunde über Motorräder, Korfu, griechisches Essen, Corona und die Folgen und das Leben an sich. Der Wirt erzählt, dass er früher zur See gefahren sei und, dass alles, was er hier Anbietet, Wein, Olivenöl und Honig, aus eigenem Anbau stammt.

Als ich zahlen will, erfahre ich, dass Dave das schon getan hat. Seinen Wein und meine große Flasche Wasser. Das erste Glas Wasser geht aufs Haus, weil der Wirt der Meinung ist, dass man für Wasser nichts verlangen darf. Ich frage ihn, wie er über die Runden kommt. „Ich habe doch alles“, sagt er und zeigt auf die Olivenhaine und den kleinen Weinberg hinter ihm. Ein Trinkgeld nimmt er nicht an. So mache ich mich mit dem Roller auf den Rückweg – um ein paar schöne Erinnerungen reicher!

Der Wirt vom Kiosk wollte von mir kein Trinkgeld annehmen!
Ich bin da anders. Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich sogar sehr über ein Trinkgeld!
2,50 €
sehr schön und nun habe ich auch ein bisschen vom Süden Korfus gesehen !
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Stimmt! Den Süden haben wir jetzt so gut wie durch…
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Das macht eine Reise besonders, wenn man nicht nur einen schönen Ort besucht sondern auch noch nette Menschen dabei trifft.
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Und Korfu ist voll mit netten Menschen!
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Reisen bildet! Und die Begegnungen runden eine Reise erst richtig ab. Das war wieder eine sehr schöne korfiotische Kaffee-Tagebuch-Episode.
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Das zu hören freut mich sehr!
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Das sind die ungeplanten, menschlich schönen Begegnungen, die das Reisen so wertvoll machen.
Liebe Grüße!
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Richtig! Planen kann man so etwas nicht.
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Wieder eine besondere Reiseschilderung mit netten Leuten.
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Ja, das macht eine Reise aus.
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