Es war der 19. August 1991 und ein schöner Sommertag in Berlin, einem Berlin, dass seit knapp einem Jahr wieder Hauptstadt eines vereinigten Deutschlands war. Während im Ostteil der Arbeitsmarkt in Rutschen kam, zeigte sich der Westen so schön wie nie und die Straßen zwischen Ku’damm und Ernst-Reuter-Platz waren schon jeher das Schaufenster für die westliche Art zu leben.
Der Tag lag wie eine schwüle Kuppel über Berlin und der Sommer klebte heiß an den Wänden der Häuser wie ein Plakat. Kurzberockte Mädchen liefen durch die flirrende Großstadtluft, die erfüllt war von Smog, Verkehrslärm, Hektik, dem pulsierenden Herzschlag einer Metropole, die niemals schlief. Die Menschen wurden von den großen Kaufhäusern eingesaugt und wieder ausgespuckt. Der lange Atem des Konsums.

Ich traf mich mit Oliver G. im Café Hardenberg in der Hardenbergstraße 10 und wir setzten uns an die Straße an einen der kleinen Tische in der Mittagssonne. Der Kellner hatte gerade das Tablett mit unseren Kaffees über die Köpfe der Gäste jongliert, als Berlin für eine Sekunde ins Straucheln geriet. Wie, als wären wir gerade in einen Zeitstrudel geraten, liefen plötzlich Zeitungsjungen durch die Straßen. Zeitungsjungen! Das kannte ich nur aus den Filmen über die „goldenen Zwanziger“.
„Extrablatt, Extrablatt!“, riefen sie. Und: „Panzer in Moskau! Gorbatschow verhaftet!“. Ich schnippte mit den Fingern, ein Bursche kam heran und ich kaufte ein Heft. In meiner Erinnerung trug er eine zu große Schirmmütze und kurze Latzhosen – jetzt übertreibe ich! Tatsächlich aber rissen wir ihm die Nachrichten aus den Händen, entfalteten mit zitternden Fingern die noch feuchten Seiten des Journals und sahen die Bilder von Panzern auf dem Roten Platz.

Eine Gruppe von Funktionären der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der bereits totgesagten KPdSU, die sich als Staatskomitee für den Ausnahmezustand bezeichnete, hatte versucht den Staatspräsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow abzusetzen und das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Ein unwirklicher Moment so kurz nach der Wiedervereinigung. Zwar war der Truppenabzug der Sowjetarmee beschlossene Sache, aber es würde noch Jahre dauern, bis er vollzogen wäre. Was, wenn die neuen Machthaber im Kreml mehr auf Fakten setzen würde, als auf Verträge und Zusagen?
Heute wissen wir, dass es anders gekommen ist. Boris Jelzin, erster gewählter Präsident der russischen Teilrepublik und späterer Steigbügelhalter für Wladimir Putin, stieg medienwirksam auf einen der T-80-Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau und widersetzte sich den Putschisten, Armeegeneral Walentin Warennikow pfiff daraufhin seine demoralisierten Truppen zurück und verhinderte so ein größeres Blutvergießen und ein entmachteter Gorbatschow kehrte nach Moskau zurück und konnte nur dem Sterben der UDSSR zusehen. Und am 31. August 1994 verließ tatsächlich der letzte russische Besatzungssoldat Berlin. Aber an diesem 19. August 1991 war das alles noch Zukunft.

An diesem Tag spielte sich vor unseren Augen ein Stück Weltgeschichte ab. Und das genau in dem Moment, als wir auf der Café-Terrasse saßen, Kaffee tranken und Juwel-Zigaretten rauchten. Ein findiger Verleger hatte die Rotationsmaschinen angeworfen, in Windeseile die Sonderausgabe gedruckt und Zeitungsjungen angeheuert, um sie so schnell wie möglich zu verteilen – normal in der heutigen Zeit moderner, schneller Medien, aber damals sensationell. Und es war unser historischer Moment – und ein ganz besonderer Kaffee-Moment.
Bildrechte: Alan Wilson from Stilton, Peterborough, Cambs, UK, T-80B – Patriot Museum, Kubinka, Wikipedia; Fridolin Freudenfett/Wikipedia; gemeinfrei; Yuryi Abramochkin / Юрий Абрамочкин/Wikipedia; Quelle: Wikipedia.