Bye-bye Späti

Fleißig und bemüht, freundlich bis herzlich, oft hilfsbereit und manchmal auch ein Anlaufpunkt für einsame Herzen am Sonntag: Das sind die Berliner „Spätis“, kleine, meist eigentümergeführte Ladengeschäfte, wo man alles vom Toastbrot bis zur Rasierseife, Dosenware, Süßigkeiten, manchmal auch frisches Obst, Kaffee, Zigaretten und Bier problemlos auch nach Ladenschluss und am Sonntag rasch und bequem einkaufen kann. Über 900 solcher Läden gibt es in Berlin, sie sind Teil des Lebensgefühls in der Stadt.

Wer – wie ich – mal in Berlin gewohnt hat, der weiß, wie wichtig sie für die Viertel sind. Beim abendlichen Kochen entdeckt man, dass Sahne, Milch, Eier oder Zucker fehlen? Schnell zum Späti! Plötzlich kommen Freunde vorbei und man braucht schnell Chips und ein, zwei Sixpacks Bier? Nicht wie zum Späti! Oder man ist im Dunkeln unterwegs zum Bus oder nach Hause und könnte jetzt einen Kaffee dringend brauchen? Auch den gibt es beim Späti!

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Doch schon seit Jahren sind diese Kleinunternehmer dem rot-rot-grünen Senat und den Bezirksverwaltungen ein Dorn im Auge. Sie werden als ein Stück Anarchismus betrachtet, passen nicht in das gewünschte System, in dem jeder Bereich streng reguliert werden muss. Wenn das Ordnungsamt einen Späti erwischt, der am Sonntag neben „Touristenbedarf“ – also sogenannte Waren zum sofortigen Verzehr – auch ein breiteres Sortiment anbietet, setzt es Strafgelder und Öffnungsverbote. Dieses Verbot wurde diesen Sommer in einem Prozess vom Berliner Verwaltungsgericht bestätigt.

Das ist wirklich sehr schade, denn es sind in fast allen Fällen die Eigentümer selbst, die an sieben Tagen die Woche diese Läden betreiben, oft Personen mit Migrationshintergrund, die sich mit Fleiß und Mühe eine bescheidene Existenz aufgebaut haben, oft Personen, die keine Chance haben, im regulären Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Diese sind nun in ihrer Existenz bedroht, denn am Sonntag und nach Feierabend machen sie den größten Umsatz. Bei vielen werden die Tagesumsätze  nicht ausreichen, die Miete zu bezahlen, denn während der regulären Öffnungszeiten stehen  sie im direkten Wettbewerb zu Supermärkten und Discountern. Den sie preislich nicht gewinnen können.

Die Spätis hatten eine Nische für sich entdeckt, dann auf, wenn die Supermärkte zu sind und waren, auch wenn natürlich teurer als Penny oder Rewe, billiger als die raren Tankstellen. Verschwinden sie, dann sind sie ein weiteres Opfer einer immer stärker durchregulierten und konzernorientierten Stadt. Und es wird über 1.000 neue Arbeitslose geben in einer Stadt, die von sich behauptet arm aber sexy zu sein. Der Kaffee beim Späti wird vielen Berlinern jedenfalls fehlen…

 

Bildrechte: Thommy Weiss/pixelio.de, johannes vortmann/pixelio.de; Anregung und Quelle: Holtz Immobilien GmbH, Pressebox.

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