Kaum zu glauben: das Glockenbach macht zu. Wohl kein neues Gentrifizierungsopfer, keine Spekulationsobjekt eines Imobilienhais. Schlicht und einfach: keine Lust mehr; beziehungsweise mehr Lust auf etwas Neues. Schwer, einen Nachruf zu schreiben, wenn der Betroffene noch lebt. Ante Mortem, sozusagen. Schöne, große Fenster, Sessel, die zum Fläzen einladen, eine schöne Bar, die sich schwungvoll durch den Laden schlängelt und eine Empore, wenn man es etwas weniger quirlig schätzt. Alles, was ein schönes Stadtteilcafé braucht.

Sitzt man am Fenster, kann man die Welt an sich vorüberziehen lassen, Szenegänger auf dem Weg zu den einschlägigen Treffs, Einheimische beim Einkaufen, Berufstätige beim Heimweg und den einen oder anderen Touristen, der in seinem Reiseführer gelesen hat, dass das Glockenbachviertel gerade in ist. Ganz früher war das hier die Vorstadt für Leute, die keine Bürgerrechte hatten oder für Gewerbe, die in der Stadt nicht geduldet wurden. Und natürlich für alle mit Berufen, für deren Erledigung man den Bach braucht, vom Müller bis zum Seifensieder, von der Wäscherin bis zum Abdecker. Doch lange war den Münchnern diese Ecke nicht geheuer. Schließlich mahnte der Pestfriedhof an die Zeit, als der Schwarze Tot die Stadt fest im Griff hatte.
Heute ist der Alte Südfriedhof ein Refugium für Spaziergänger, den die Isar zu weit ist, die Seifensieder sind genauso verschwunden wie die Stadtbäche. Obwohl letztere noch vorhanden sind, nur zumeist unterirdisch. So kann es durchaus zutreffen, dass unter dem Glockenbach der Glockenbach ungesehen vor sich hin fließt. Und das wird er auch noch dann, wenn das Glockenbach am 10. November seine Pforten geschlossen hat.

Café Glockenbach, Müllerstraße Ecker Pestalozzi-Straße, München-Isarvorstadt, Öffnungszeiten: bald keine mehr…